Gleich oder lieber doch nicht ganz

Peter Tichauer: Blick aus Qingdao 6

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In spätestens fünf Monaten dürfte der nächste Aufreger in der ausländischen Community in China hochkochen. Zum 1. Januar 2022 fallen Sonderbestimmungen bei der Besteuerung der Einkommen von in China tätigen Ausländern weg. Gewährte Zuwendungen für Miete oder Schulgeld müssen dann regulär versteuert werden. Das kann entweder für die Unternehmen, die Ausländer beschäftigen, teuer werden oder für ausländische Angestellte zu Mehrbelastungen führen. So hat die JP contagi GmbH berechnet, dass ein ausländischer Beschäftigter mit einem Jahresgehalt von einer Million Yuan, der mit Frau und zwei schulpflichtigen Kindern in Shanghai lebt und arbeitet, ab kommenden Jahr mit 19 Prozent weniger Nettogehalt auskommen muss, sollte das Unternehmen nicht bereit sein, die höhere Steuerbelastung auszugleichen. Ist das Unternehmen zu diesem Ausgleich bereit, würde dies ein 34-prozentiges Plus der Kosten bedeuten.

Noch ist nicht ausgemacht, ob die Neureglung tatsächlich kommen wird. Lobbyorganisationen ausländischer Unternehmen in China bemühen sich, die chinesischen Behörden umzustimmen. Für ausländische Unternehmen werde es mit diesen Regelungen immer schwieriger internationale Experten zu gewinnen. Gleichzeitig müssten sich diese Experten genau überlegen, ob es für sie noch attraktiv ist, bei einem Unternehmen in China zu arbeiten.

So verständlich diese Überlegungen auf der einen Seite sind, sind sie auf der anderen Seite schwer nachzuvollziehen. Seit Jahren fordern dieselben Lobbyorganisationen ganz zu Recht, im chinesischen Markt sollten alle Marktteilnehmer, egal ob aus- oder inländisch investiert, gleichgestellt werden. Freilich bezieht sich dies in erster Linie auf den Marktzugang ohne Beschränkungen für einzelne Branchen. Wer jedoch Gleichberechtigung fordert, muss auch akzeptieren, dass sie ebenso in Bereichen umgesetzt wird, die möglicherweise wehtun. Vielleicht wäre es schlau, nicht gegen die Einkommenssteuer-Anpassung Sturm zu laufen, sondern diese zum Anlass für Forderung zu nehmen, in anderen Bereichen noch schneller nachzuziehen.

Ganz abgesehen davon, kann davon ausgegangen werden, dass lokale Behörden Wege suchen und finden werden, um ausländischen Experten das Leben zu versüßen. Denn auch wenn derzeit der Eindruck zuweilen ein anderer ist, auf internationale Spitzenkräfte will das Land nicht verzichten. Gewerbegebiete scheinen es als Pluspunkte zu betrachten, wenn viele Fachkräfte mit ausländischem Pass dort arbeiten. Also machen sich die Behörden Gedanken, wie sie den Ausländern das Leben erleichtern können, auch mit finanziellen Geschenken.

So hat beispielsweise die Pilot-Freihandelszone Qingdao schon im vergangenen Dezember sozusagen als Weihnachtspräsent allen Ausländern, die in der Zone beschäftigt sind, einen 30-prozentigen Zuschuss auf das Jahresgehalt zugesagt. Unabhängig von der Höhe der Einkommen. Das ist eine beachtliche Summe.

Acht Monate nach dieser Ankündigung ist zwar noch nicht ganz klar, wann und wie das Geld ausgezahlt wird. Dass die Zone Wort halten wird, davon darf ausgegangen werden. Das führt wiederum zu Gewissenskonflikten. Jedenfalls bei mir. Ausländer dürften per se ein deutlich höheres Gehalt als ihre lokalen Kollegen haben, egal ob sie in einem chinesischen Unternehmen arbeiten oder in einem ausländischen. Warum sollte den Ausländern zusätzlich – salopp gesagt – „Zucker in den Hintern geblasen“ werden? Machen sich lokale Behörden Gedanken, was sie tun und vor allem ändern können, um für Ausländer attraktiver zu werden, ist dies durchaus löblich. Sollten sie aber nicht eher überlegen, wie sie für alle, die hier leben und arbeiten, den Alltag erleichtern können? Wäre es nicht sinnvoll, lokalen Mitarbeitern die oft sehr niedrigen Gehälter anzupassen, anstatt dort Geld zu verteilen, wo ohnehin relativ viel ist? Eines ist allerdings klar: Wer wünscht, dass sich mehr Ausländer zur Arbeit ansiedeln, sollte zuallererst daran denken, Einreisebestimmungen zu vereinfachen und die Bewilligung von Aufenthaltstiteln zu entbürokratisieren.

Peter Tichauer

Peter Tichauer ist ausgewiesener China-Experte. Nachdem er mehr als 20 Jahre das Wirtschaftsmagazin ChinaContact aufgebaut und als Chefredakteur geleitet hat, ist er seit 2018 im Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao für die deutschsprachige Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.

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