Kapitalmarktbrücke Frankfurt-Shanghai: strategische Weichenstellung zwischen regulatorischer Komplexität und globaler Ambition

von Matthias von Oppen, Ashurst LLP*

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Die Verbindung der Kapitalmärkte (‚ Kapitalmarktbrücke ‘) beider Nationen soll nicht nur bestehen bleiben, sondern massiv ausgebaut werden. Von Matthias von Oppen, Ashurst LLP*

Der deutsch-chinesische Finanzdialog im November 2025 hat eine deutliche politische Botschaft gesendet: Die Verbindung der Kapitalmärkte beider Nationen soll nicht nur bestehen bleiben, sondern massiv ausgebaut werden. Im Zentrum stehen Global Depositary Receipts (GDRs) in Frankfurt sowie Chinese Depositary Receipts (CDRs) in Shanghai und Shenzhen. Was auf politischer Ebene als Zeichen der Kooperation gefeiert wird, stellt Unternehmen, Investoren und deren Berater vor komplexe operative und rechtliche Herausforderungen. Für Emittenten geht es um mehr als nur Liquidität; es geht um die strategische Positionierung in einem sich fragmentierenden globalen Marktumfeld.

Diversifizierung vs. Compliance-Druck: die Bürde der Doppelregulierung

Die Emission von Depositary Receipts im Rahmen einer dualen Börsennotierung bietet Unternehmen die Chance, ihre institutionelle Anlegerbasis signifikant zu verbreitern und Kapital in einem Währungsraum aufzunehmen, der für das operative Geschäft oft von zentraler Bedeutung ist. Doch dieser Vorteil hat einen regulatorischen Preis. Emittenten bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen zwei Rechtsordnungen.

Während GDRs an der Frankfurter Börse den europäischen Transparenzstandards unterliegen (etwa der Marktmissbrauchsverordnung MAR und den Prospektanforderungen der BaFin), müssen gleichzeitig die Heimatmarktregeln in China gewahrt bleiben. Dies gilt natürlich reziprok für deutsche Emittenten, die CDRs in China emittieren. Diese ‚Doppelregulierung‘ führt zu einem deutlich erhöhten Disclosure-Aufwand.

Die Herausforderung für die Rechtsabteilungen und externen Beratern liegt in der Synchronisation der Publizitätspflichten: Ad-hoc-Mitteilungen müssen zeitgleich und inhaltlich konsistent in beiden Jurisdiktionen veröffentlicht werden, trotz unterschiedlicher Zeitzonen und Auslegungstraditionen. Wer hier keine präzisen internen Prozesse etabliert, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch einen Vertrauensverlust bei internationalen Investoren.

Valuation-Uplift vs. Governance-Check: die Qualität der Equity Story

Ein Zweitlisting via DR-Struktur wird oft mit der Hoffnung auf einen strategischen Bewertungsaufschlag (‚Valuation Uplift‘) verknüpft. Die Theorie: Durch die lokale Präsenz im Markt des jeweils anderen Handelspartners wird das Unternehmen für lokale Investoren ‚greifbarer‘, was die Nachfrage und damit den Multiplikator erhöhen kann.

Wenn sich USA isolieren, kommen sich China und Deutschland fast automatisch näher bis hin zur Kapitalmarktbrücke
Wenn sich USA isolieren, kommen sich China und Deutschland fast automatisch näher

Dem gegenüber steht jedoch der kritische Governance-Check durch globale Institutionelle. Westliche Investoren prüfen bei chinesischen Emittenten die Unabhängigkeit der Aufsichtsratsgremien und die Transparenz der Eigentümerstrukturen mit höchster Akribie. Umgekehrt blicken chinesische Investoren bei deutschen Titeln verstärkt auf die langfristige Wachstumsstrategie im asiatischen Raum.

Bestehen hier Unklarheiten oder weichen die Governance-Strukturen zu weit von den Erwartungen des jeweiligen Zielmarktes ab, kann dies zu einem ‚Governance-Discount‘ führen, der den erhofften Bewertungsbonus neutralisiert. Eine überzeugende Equity Story muss daher heute zwingend eine robuste Corporate-Governance-Strategie beinhalten, die über die bloße Einhaltung gesetzlicher Mindeststandards hinausgeht.

Operative Agilität vs. Settlement-Komplexität: der Blick in den Maschinenraum

2025 war das Jahr der Schlange

Einer der größten Vorzüge von GDRs ist ihre operative Agilität. Im Vergleich zu einem vollwertigen Primärlisting ist der Weg zum Markt oft schneller und kosteneffizienter. DRs ermöglichen eine rasche Kapitalaufnahme, da sie auf bestehenden Aktienstrukturen aufbauen. Doch die technische Umsetzung im ‚Maschinenraum‘ des Kapitalmarkts bleibt anspruchsvoll.

Die Verzahnung der Abwicklungssysteme zwischen Clearstream in Deutschland und ChinaClear in der Volksrepublik erfordert tiefes prozessuales Know-how. Die Herausforderungen liegen im Cross-Border-Settlement und der Sicherstellung der Fungibilität, also der Umwandlungsmöglichkeit zwischen DRs und den zugrunde liegenden Stammaktien. Verzögerungen in der Prozesskette oder technische Hürden bei der Dividendenweiterleitung können die Attraktivität des Instruments mindern. Für Emittenten bedeutet dies, dass die Auswahl der Depotbank und der begleitenden Rechtsberater nicht nur nach Renommee, sondern nach nachgewiesener technischer Schnittstellenkompetenz erfolgen muss.

Marktpräsenz vs. Geopolitik: Strategisches Risiko-Management

Kapitalmarktbrücke Frankfurt...
Kapitalmarktbrücke Frankfurt…

Zuletzt darf die geopolitische Dimension nicht unterschätzt werden. Wir befinden uns in einer Ära der ‚De-Risking‘-Strategien und zunehmender Technologiekontrollen. In diesem Kontext ist ein Listing im jeweils anderen Wirtschaftsraum ein klares strategisches Bekenntnis. Es signalisiert Beständigkeit und tiefere Integration.

Gleichzeitig macht es das Unternehmen jedoch zum potenziellen Ziel geopolitischer Spannungen. Regulatorische Änderungen – etwa verschärfte Anforderungen an die Datensicherheit oder Investitionsprüfverfahren – können die DR-Brücke jederzeit belasten. Ein proaktives Management geopolitischer Risiken gehört daher heute zum Kernbestand der Corporate-Finance-Beratung. Unternehmen müssen Szenarien entwickeln, wie sie auf plötzliche regulatorische Entkoppelungen reagieren können, ohne den Zugang zu ihren internationalen Investoren zu verlieren.

Kapitalmarktbrücke Shanghai
… Shanghai

Fazit: Die Brücke steht – nun kommt es auf die Statik an

Die forcierte Öffnung der Kapitalmärkte über GDRs und CDRs ist eine logische Konsequenz der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Deutschland und China. Für ambitionierte Unternehmen bietet sie die einzigartige Chance, Kapital dort zu mobilisieren, wo die Zukunftsmärkte liegen.

Doch die ‚Depository Receipt‘-Brücke ist keine Einbahnstraße zum schnellen Geld. Sie ist ein hochkomplexes regulatorisches und strategisches Bauwerk. Erfolg wird nur derjenige haben, der die Compliance-Hürden antizipiert, seine Governance-Strukturen international wetterfest macht und die technische Komplexität des Settlements beherrscht. In einem Marktumfeld, das von Volatilität und geopolitischem Wandel geprägt ist, wird die rechtliche und strategische Präzision bei der Strukturierung dieser Transaktionen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Matthias von Oppen
Matthias von Oppen

*) Matthias von Oppen ist Rechtsanwalt und Partner bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Ashurst in Frankfurt am Main. Er berät Unternehmen und Finanzinstitute bei komplexen Kapitalmarkttransaktionen und grenzüberschreitenden M&A-Projekten mit Schwerpunkt auf der Verbindung europäischer und asiatischer Märkte.