Einhundert

Peter Tichauer: Blick aus Qingdao 5

Deutschland China CAI

Der 1. Juli war der Tag der Tage, dem das Milliarden-Volk der Chinesen seit Langem entgegengefiebert hat. Die 100. Wiederkehr des Gründungstages der Kommunistischen Partei Chinas war ein Tag des Stolzes. Stolz auf das Erreichte. Dieser Stolz vereint die Chinesen – die sozialen Netzwerke spiegeln das wider. Schon höre ich den lauten Widerspruch … und setze dem entgegen, die Freiheit, sich nicht zu äußern, die hat jeder. Auch in China. Und: Selbst der kritischste Beobachter wird nicht leugnen können, dass China insbesondere in den vergangenen 40 Jahren Beachtliches geleistet hat. Zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ist das Land aufgestiegen. Während Millionen aus der Armut geholt wurden, ist China in modernen Technologien zu einem globalen Trendsetter geworden. Der Weg führte von einer „hochgradig zentralisierten Planwirtschaft“ in eine „lebendige sozialistische Marktwirtschaft“, von einem „hermetisch abgeschlossenen“ Markt zu einer „in jeder Hinsicht offenen“ Wirtschaft.

Nicht am Gründungsort der Partei in Shanghai, sondern auf dem Tiananmen-Platz in Peking, wo die Kommunisten mit der Ausrufung der Volksrepublik 1949 ihren ersten großen Achtungserfolg zementierten, hielt Xi Jinping, der Generalsekretär, die Geburtstagsansprache, die genauer zu betrachten es sich lohnt. Jedem steht es zu, die Rede aus eigener Sicht zu beurteilen. Schlagzeilen wie „China bekräftigt Drohung gegen Taiwan“ werden ihr allerdings nicht gerecht. Gerade einmal fünf Zeilen fast am Ende der achtseitigen Rede werden der Taiwan-Frage gewidmet. Eine Bekräftigung alter und bekannter Grundsätze. Das war es. Mehr nicht. Neu ist es jedenfalls nicht, dass es für China „rote Linien“ gibt, die nicht zu überschreiten sind. Das war vorgestern und gestern so. Auch morgen und übermorgen wird dies so sein.

Interessanter dagegen ist, dass unter dem Verweis, aus der Geschichte müsse gelernt und die entsprechenden Lehren seien zu ziehen, dunkle Kapitel aus den 60er- und 70erjahren unerwähnt blieben. Ja, selbstverständlich, wer feiert, will nur an das Schöne denken. Das geht uns allen so. Wer allerdings historische Vorgänge aus der jüngsten Geschichte nicht kennt, läuft Gefahr, in die falsche Richtung geführt zu werden.

Genau deshalb – und an dieser Stelle wird es für unsere Beziehungen mit China wirklich interessant – hat der der Parteichef auch auf das Jahr 1840 verwiesen. Ungleiche Verträge, nach der Niederlage im ersten Opium-Krieg dem Land aufgezwungen, denen nach späteren Auseinandersetzungen weitere folgten, hatten China in eine halbkoloniale Abhängigkeit geführt. Eine Schmach, die de facto erst mit der Gründung der Volksrepublik überwunden wurde und sich nie wiederholen soll. Zum 100. Jahrestag der Kommunistischen Partei hat das Land die Stärke und, ja, auch das Selbstbewusstsein, ein zweites 1840 zu verhindern.

China hat diesen Aufstieg zum großen Teil seiner Öffnung zu verdanken, die internationalem Kapital und Know-how den Weg in den Markt ebnete. Profitiert hat China. Profitiert haben internationale Unternehmen. So soll es auch künftig sein, bekräftigte Xi Jinping, der betonte, das Land war gerade in den vergangenen 40 Jahren bereit, von den Erfahrungen anderer Gesellschaftsmodelle zu lernen, für China Geeignetes zu übernehmen und in die eigenen Strategien der wirtschaftlichen Entwicklung einfließen zu lassen. Modelle zu kopieren, das ist Chinas Sache nicht (mehr). „Nützliche Anregungen“ und „wohlgemeinte Kritik“ sind immer willkommen. „Lehrmeister“ aber werden aber keine Chance haben, gehört zu werden. Klar und deutlich sind die Worte, die für uns alle alltäglichen Miteinander selbstverständlich sind. Zwischen Staaten sollte dies ebenso zur nicht weniger selbstverständlich sein. Irgendwie scheint in den vergangenen Jahren die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, den Partner zu akzeptieren, wenn er nicht nach der Pfeife derjenigen tanzt, die glauben, eine Führungsrolle gepachtet zu haben.

Es ist muss neu gedacht werden, um nicht das chinesische „befreit die Gedanken“ zu bemühen. Geht es wirklich noch um Führung? Nein. Es geht darum, so viele Kräfte wie möglich zu bündeln, gemeinsam ins Boot zu steigen und die Herausforderungen der Zeit zu meistern. Weniger hacken. Mehr scharren.

Peter Tichauer

Peter Tichauerist ein ausgewiesener China-Experte. Nachdem er mehr als 20 Jahre das Wirtschaftsmagazin ChinaContact aufgebaut und als Chefredakteur geleitet hat, ist er seit 2018 im Deutsch-Chinesischen Ökopark Qingdao (www.sgep-qd.de) für die Kommunikation mit Deutschland verantwortlich.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Vereinfachtes Chinesisch