Chinas Outbound-M&A-Bremsung könnte sich als Segen erweisen

Unter der Lupe: Chinas Kapitalverkehrskontrollen haben auch positives Potenzial.

Chinas Outbound-M&A-Volumen ist seit Jahresanfang signifikant eingebrochen. Die dabei durch die chinesische Regierung angestrebte Fokussierung auf Übernahmen innerhalb der Kerngeschäfte chinesischer Unternehmen und die dadurch entstandene Atempause können sich positiv auf M&A-Erfolgswahrscheinlichkeiten auswirken.

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Im vergangenen Jahr erreichten Chinas Auslandsinvestitionen einen historischen Höchststand. Seit Anfang des Jahres tritt die chinesische Regierung allerdings kräftig auf die Outbound-M&A-Bremse, um Devisenabflüsse zu begrenzen und sogenannte „irrationale“ Investitionsprojekte zu verhindern. Aufgrund dieser restriktiveren Genehmigungspolitik brach das chinesische Outbound-M&A-Volumen im ersten Quartal 2017 um rund 60% gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. Einige Marktbeobachter sehen darin schon das Ende des goldenen Zeitalters chinesischer Auslandsinvestitionen. Diesen Unkenrufen zum Trotz ist die Verlangsamung des Dealflows grenzüberschreitender Übernahmen und Beteiligungen aus China durchaus positiv zu sehen.

Fokussierung auf Kerngeschäft erhöht Erfolgschancen

Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass rund die Hälfte aller M&A-Transaktionen weltweit wertvernichtend sind. Die M&A-Misserfolgsrate ist besonders hoch im Falle von Unternehmensübernahmen außerhalb des Kerngeschäftes des Käufers. Industrielle Übernahmen sind am ehesten von Erfolg gekrönt, wenn die kaufenden und übernommenen Firmen in der gleichen Branche zuhause sind. Allerdings gilt im Falle chinesischer Outbound-M&A-Deals häufig, dass die Unternehmen gerne auch abseits ihres angestammten Kerngeschäftes investieren. Viele Käufer aus dem Reich der Mitte versuchen dabei, ohne vorherige Kompetenz in neuen Industrien Fuß zu fassen oder prestigeträchtige Assets in der Immobilien- oder Unterhaltungsbranche zu erwerben. Genau solche Outbound-Transaktionen seitens Staatsunternehmen beziehungsweise staatsnaher Firmen stehen seit Jahresanfang im Fadenkreuz chinesischer Genehmigungsbehörden. Da Übernahmen abseits des Kerngeschäftes im Durchschnitt durch eine höhere Misserfolgswahrscheinlichkeit gekennzeichnet sind, stellt diese Fokussierung zurück auf die eigene Branche eine positive Entwicklung dar.

Richtige Übung macht den Meister

M&A-basierte Wachstumsstrategien sind häufig Wertvernichter. Anders sieht es allerdings bei Serienkäufern aus: Sie erzielen eine im Durchschnitt bessere Erfolgsbilanz bei M&A-Transaktionen als Unternehmen, die nur einzelne Deals tätigen. Die Erfolgschancen von M&A-Transaktionen steigen, wenn erstens Unternehmensübernahmen häufig durchgeführt werden und zweitens zwischen einzelnen Akquisitionen ausreichend Zeit bleibt, um aus dem jeweiligen vorherigen Deal die „Lessons Learned“ für den folgenden abzuleiten und umzusetzen. Dagegen zeichnen sich prominente chinesische Serienkäufer westlicher Firmen jedoch oft durch eine hohe M&A-Taktzahl aus. Outbound-Deals folgen sehr eng aufeinander und lassen daher kaum Zeit, Due-Diligence-, Transaktions- und Integrationsverfahren im Rahmen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses zu optimieren. Die derzeitig restriktivere Genehmigung von Outbound-M&A-Deals durch chinesische Behörden führt de facto zu einer Entschleunigung der Deal-Making-Geschwindigkeit. Diese erzwungene Atempause erlaubt chinesischen Serieninvestoren, aus dem Übernahmerausch der näheren Vergangenheit zu lernen, und erhöht dadurch potenziell die Erfolgswahrscheinlichkeit bereits getätigter und auch zukünftiger Deals.

Verfahrensklarheit minimiert Deal-Making-Risiko

Einer der Treiber des rasanten Wachstums chinesischer Auslandsinvestitionen ist der Entwicklungsplan „Made in China 2025“, mit dem China zu den führenden Industrienationen aufschließen will. Die westliche Politik verfolgt daher Übernahmen von Firmen in strategisch wichtigen Hochtechnologiebereichen seit einiger Zeit sehr kritisch. In den Vereinigten Staaten prüft der CFIUS Ausschuss (Committee on Foreign Investment in the United States) ausländische Investitionen hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die nationale Sicherheit. Eine mit CFIUS vergleichbare Behörde beziehungsweise die entsprechenden Investitionskontrollfunktion gab es in Europa bisher nicht. Nun aber verabschiedete die deutsche Bundesregierung im Juli dieses Jahres eine Regierungsverordnung, die den Übernahmeschutz für deutsche Firmen verbessern soll. Die Bundesregierung kann in Zukunft Unternehmensübernahmen verbieten, wenn sie dadurch sogenannte kritische Infrastruktur gefährdet sieht. Wirtschaftsvertreter betrachten diese Regierungsverordnung durchaus kritisch. Allerdings ist auf der anderen Seite begrüßenswert, dass dadurch mit Blick auf die Investitionsgenehmigungen die Verfahrensklarheit verbessert und ein Schritt in Richtung Reziprozität getan wird.

Fazit: Weniger ist mehr

Trotz der Bremsspuren auf Chinas Outbound-M&A-Markt seit Anfang des Jahres ist es aufgrund der strategischen Bedeutung der Auslandsinvestitionen unwahrscheinlich, dass diese, insbesondere in Hochtechnologiebereichen, zum Erliegen kommen werden. Ungeachtet der ursprünglichen Absicht der chinesischen Regierung könnte die Nettowirkung der vollzogenen Outbound-M&A-Bremsung eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit der Übernahme- und Beteiligungsaktivitäten sein: Die Fokussierung auf Akquisitionen innerhalb des Kerngeschäftes eliminiert eine wesentliche Ursache von Misserfolgen. Die niedrigere Deal-Making-Geschwindigkeit erlaubt chinesischen Serieninvestoren, aus bereits getätigten Deals zu lernen. Dem deutschen Gesetzgeber ermöglicht die sich daraus ergebende Atempause, im Dialog mit Wirtschaftsvertretern den Übernahmeschutz zu verbessern und Verfahrensunsicherheit als Deal-Making-Risikofaktor zu minimieren. Letztendlich profitieren von optimalen Erfolgschancen bei M&A-Deals die chinesischen Käufer selbst, aber auch besonders die Mitarbeiter und die Standorte übernommener deutscher Firmen. Weniger Übernahmen mit einer höheren Erfolgswahrscheinlichkeit sind aus Arbeitnehmersicht sicherlich wünschenswerter als eine größere Anzahl risikobehafteter Deals.

 

Zur Person

Marc SzepanMarc Szepan ist Lecturer im Fach International Business an der University of Oxford Saïd Business School, wo er auch sein Promotionsstudium absolvierte. Davor nahm er verschiedene Managementfunktionen bei der Lufthansa wahr, zuletzt als Senior Vice President, Airline Operations Solutions, bei Lufthansa Systems. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

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