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Lieferketten China-Deutschland: Probleme, Trends, Chancen

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Die Lieferketten China-Deutschland werden sich vor dem Hintergrund des Strebens nach Rohstoffautonomie, des Ukrainekriegs und der zunehmenden China-+1-Strategien 2023 verändern. Kettenglieder werden entfernt, neue hinzugefügt, Alternativen geschaffen. Was bis Anfang 2019 „normal“ schien, wird infrage gestellt. Unternehmen und Investoren sollten sich auf grundlegende Veränderungen vorbereiten.

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1980 lag China noch auf Rang 35 der wichtigsten Importstaaten Deutsch­lands, 1990 bereits auf Rang 14. Seit 2015 bezieht Deutschland die meisten Importe aus China. Im Jahr 2021 war die Volksrepublik zum sechsten Mal in Folge der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Waren im Wert von 245,4 Mrd. EUR wurden zwischen beiden Staaten gehandelt.

In der Zeit vor Corona besuchten Einkäuferteams deutscher Unternehmen die Lieferanten in China im Schnitt ein- bis zweimal pro Jahr. Vor Ort begutachteten sie in den Fabriken die laufenden Produktionen, man besprach weitere Geschäfte und künftige Preise. Mit dem Ausbruch von COVID-19 im Jahre 2020 änderte sich das Bild komplett.

COVID, Zero COVID – was kommt jetzt?

Wie COVID sich auf das wirtschaftliche Zusammenarbeiten ausgewirkt hat, stand überall zu lesen: Angestellte durften nicht mehr ins Büro, Arbeiter kamen nicht mehr in die Fabrik, Produktionen lagen brach, die Transportpreise schnellten in die Höhe. Besonders hart traf diese Entwicklung deutsche Unternehmen ohne Präsenz vor Ort in China! Daraus ergibt sich eine wichtige Lektion für die Zukunft im Chinageschäft: Um auch im Lockdown oder ähnlichen Situationen handlungsfähig zu sein, sollte man eine Chinapräsenz in einer sinnvollen Form aufbauen. Sie sollte unbedingt die Schlüsselfunktionen im Einkauf und Lieferantenmanagement auf dem Laufenden halten, beidseitige Kommunikation fördern sowie Transport und auch Reklamationsmanagementkompetenzen optimieren, damit man auf unerwartete Situationen schnell, sicher und ökonomisch reagieren kann.

Außenhandel: Umsatz (Exporte & Importe) in Mrd. EUR; Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis) 2022

Energieknappheit erhöht Lieferkosten

Aber auch die Energieknappheit in China wirft Probleme auf: Lokale Regierungen stellen Unternehmen Strom zeitweise ab, geben Nutzungslimits pro Tag vor oder machen Auflagen. Stromprobleme wiederum verzögern die Produktion vor Ort; dadurch verschieben sich geplante Lieferdaten und Verschiffungen. Letztlich führt all das zu Brüchen in der Lieferkette, die erhöhte Liefer- und Beschaffungskosten bedingen. In der Folge entsteht für produzierende Betriebe ein Kostendruck, der an die Kunden oft nicht weitergegeben werden kann. Unternehmen sind damit gezwungen, die Kosten beim Produkt und bei der Beschaffung zu reduzieren. Um all das zu vermeiden, suchen Unternehmen neue Beschaffungswege im Einkauf.

„Plan B“ mit Hürden

Auch wenn die chinesische Regierung den Lockdown seit Kurzem lockert und eine Öffnung wieder vorantreibt, so haben ausländische Unternehmen zwischenzeitlich dennoch bereits begonnen, Abhängigkeiten von China in der Lieferkette abzubauen. Berichten zufolge plant Apple sogar, seine Produktion aus China zu verlagern. Back-up- bzw. alternative Lieferanten zu finden gestaltet sich für viele Firmen allerdings als relativ schwierig, sind die heutigen Strukturen mit China doch über die letzten 40 Jahre gewachsen und stark verflochten. In Sachen Preis, Lohn- und Energiekosten bleibt China außerdem eine der besten Optionen. Zudem: Die in den letzten Jahren getätigten kostenintensiven Investitionen deutscher Unternehmen sollen sich nicht nur amortisieren, sondern auch rentieren. Das braucht Zeit und spricht gegen den sofortigen Abzug.

Höhe der Direktinvestitionen aus Deutschland in China und ihr Anteil an den Gesamtinvestitionen von 2010 bis 2020 (in Mrd. EUR/in Prozent); Quelle: Deutsche Bundesbank, Statistisches Bundesamt (Destatis); Stand: Mai 2022; Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis) 2022

Alternativen gerne – aber wohin?

Viele deutsche Unternehmen betreiben dennoch verstärkt Aufwand für eine „Multiple-Sourcing-Strategie“, um Risiken in den Lieferketten zu diversifizieren.“ So hatten laut einer im Oktober veröffentlichten Konjunkturumfrage des ifo Instituts 50% der Unternehmen berichtet, die Überwachung ihrer Lieferketten verbessert zu haben. 65% setzen auf eine verstärkte Diversifizierung von Lieferketten, indem sie die Zulieferbasis durch neue Lieferanten und Bezugsquellen erweitern. Sogar chinesische Firmen selbst suchen Alternativen zur Beschaffung und Produktion im Heimatland, z.B. in Vietnam, Kambodscha, Myanmar und Afrika (allerdings ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang). Vor allem Südostasien wird also, so die Auffassung im BME-Expertenkreis China, als Ausweichstandort zu China zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Allerdings ist Südostasien als Markt zu klein und kann nicht alle Bereiche der benötigten Lieferketten abdecken. Indien wäre als Markt groß genug, kann aber seit Jahren keinen echten Gegenpol zu China bilden.

Und nicht zu vergessen: Alternative Lieferketten verbrauchen erst einmal sogar zusätzliches Geld, denn viele andere Länder produzieren teurer als China. Sollte man dennoch einen Lieferanten in einem anderen Land gefunden haben, kostet es viel Zeit und Geld, die neue Lieferbeziehung effizient aufzubauen. All das spricht dafür, die Lieferbeziehung mit China möglichst aufrechtzuerhalten.

Statt China zu verlassen: Lieferkette funktional verbessern

Neben der Suche nach Alternativstandorten ist es also vielleicht einfacher, die deutsch-chinesischen Lieferketten funktional zu optimieren. Darunter fallen Themen wie der Einsatz moderner Business Intelligence Software, das Perfektionieren des Bestandsmanagements oder auch das Optimieren von Beschaffungskosten mit einem strategischen Warengruppenmanagement.

FAZIT

Die zwischen Deutschland und China seit über 40 Jahre bestehenden Handels- und Lieferbeziehungen sind sehr verflochten. Eine sich von China abkoppelnde Beschaffungsstrategie und Neuausrichtung braucht viel Zeit und sollte gut überlegt werden. Die Umsetzung des von der deutschen Politik teils geforderten „Decoupling“ von China (vom Russlandkonflikt lernend!) dürfte etwa 15 Jahre dauern – denn echte Alternativen für Belieferung und Produktion müssen erst gefunden werden. Insofern sollte man auch 2023 erst einmal an der Belieferung durch China eher festhalten.

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Deutsch-chinesischer M&A-Korridor – quo vadis?

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Die COVID-19-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, daraus resultierende Lieferengpässe und die Inflation – all das hat sich auch auf die M&A-Aktivitäten ausgewirkt. Der deutsch-chinesische M&A-Korridor ist davon stark betroffen. 12 M&A-Transaktionen chinesischer Investoren in Deutschland bis Ende November 2022 stellen einen signifikanten Rückgang im Vergleich zu den 35 im Gesamtjahr 2021 dar. Ein Ausblick für 2023. 

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Der Verkauf des Geschäftsbereichs Digital Systems von ams OSRAM an Inventronics ist als eine der wenigen größeren Transaktionen erwähnenswert. M&A-Transaktionen deutscher Investoren nach China zeigen einen ähnlichen Trend. Der Kauf von Wing Pet Food durch Symrise im Februar 2022 hebt sich hier vom Trend ab.

Welche Faktoren drücken also auf die Investitionstätigkeit? Neben der ­allgemeinen Unsicherheit im wirt­schaft­­lichen Umfeld und der daraus ­resultierenden Zurückhaltung, Investitionsentscheidungen zu treffen, haben vor allem die Einschränkungen in der Reisetätigkeit einen entscheidenden Einfluss. Sicher kann man erste Werksbesichtigungen und Verhandlungstermine per Videokonferenz durchführen – aber am Ende müssen sich Entscheider, Verkäufer und Management persönlich kennenlernen, was seit Anfang 2020 von und nach China praktisch kaum umsetzbar ist.

Entwicklung Anzahl angekündigter M&A-Transaktionen von chinesischen Investoren in Deutschland; Quelle: Deloitte

2023 – Aussichten bleiben eingetrübt

Eine M&A-Transaktion dauert im chine­sischen Umfeld meist zwölf bis 18 ­Monate. Dementsprechend sind die M&A-Transaktionsstatistiken von 2021 in Teilen noch nicht von der Pandemie beeinflusst; die Effekte werden sich erst voll in 2022 zeigen. Wegen der andauernden Reisebeschränkungen ist auch 2023 mit keiner Belebung zu rechnen. Erschwerend kommt dazu: Auf deutscher Regierungsseite wie in der Bevölkerung wird der Verkauf von deutschen Unternehmen an chinesische ­Inves­toren häufig sehr skeptisch wahrgenommen, vor allem wenn es sich um Technologie­unternehmen handelt oder die kritische Infrastruktur betroffen ist.

Man denke an die öffentliche Diskussion um den Verkauf von Anteilen an einem Terminal des Hamburger ­Hafens an COSCO, die Untersagung des Verkaufs einer Chipfertigung von Elmos an Silex sowie von ERS electronic an ­einen chinesischen Investor. Die skeptische Stimmung dürfte sich auf absehbare Zeit nicht ändern und M&A-Transaktionen in betroffenen Sektoren ­erschweren. Käufer aus China, früher eine attraktive Alternative für Verkäufer, werden zukünftig kaum mehr angesprochen – zu groß ist die Ungewissheit, Transaktionen erfolgreich abschließen zu können. Aus demselben Grund werden sich auch chinesische Investoren gut überlegen, ob sie Zeit und Geld in die Prüfung einer Transaktion investieren wollen. Denkbar schlechte Bedingungen für M&A-Transaktionen.

Entwicklung Anzahl angekündigter M&A-Transaktionen von deutschen Investoren in China; Quelle: Deloitte

Regionalisierung der Lieferketten – Treiber für M&A?

Allerdings hat die Pandemie auch gezeigt, dass Lieferketten regionalisiert werden müssen. Deutsche Unternehmen werden deshalb in China nicht mehr hauptsächlich für den Export in den Weltmarkt produzieren, sondern mehr für den lokalen Markt und ­angrenzende Länder. Die daraus resultierende Anpassung des Produktport­folios kann dazu führen, dass sie lokale Hersteller erwerben, um ein auf die loka­len Bedürfnisse besser angepasstes Produktportfolio anzubieten. Die Notwendigkeit, nach Erwerb in größerem Umfang deutsche Expats einzusetzen, nimmt damit ebenfalls ab.

Was für deutsche Unternehmen in China gilt, gilt im Umkehrschluss auch für Europa: Die Produktion muss näher an den Abnehmermarkt rücken und ­regionalisiert werden. Ob das eher mit Greenfield-Investitionen oder verstärkt auch über M&A-Transaktionen angestrebt wird, bleibt abzuwarten. Der Ausblick für die M&A-Aktivitäten im deutsch-chinesischen Korridor im nächsten Jahr bleibt stark getrübt. Dennoch besteht Hoffnung, dass der Trend zur Regionalisierung der Präsenz im ­jeweiligen Absatzmarkt die M&A-Aktivitäten positiv beeinflusst.

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Herausforderungen für 2023 bei Investitionsvorhaben in China

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Das deutsch-chinesische Investitionsumfeld des Jahres 2022 ist geprägt von einer exzessiven Zero-COVID-Politik in China, einer zunehmenden Politisierung der chinesischen Wirtschaft und einer ob der Eindrücke des Ukrainekriegs in Deutschland verstärkt geführten Diversifizierungsdebatte. Vor diesem Hintergrund mag das hohe Volumen deutscher Direktinvestitionen in der Volksrepublik zunächst überraschen: So haben deutsche Unternehmen bereits in den ersten drei Quartalen 2022 ca. 7,8 Mrd. EUR in China investiert und damit sogar das starke Jahr 2021 (7,3 Mrd. EUR) übertroffen. Auf den zweiten Blick sieht es aber anders aus.

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Die deutschen Unternehmen stehen aktuell enormen Herausforderungen in China gegenüber. So war im dritten Quartal 2022 ein Mittelabfluss durch deutsche Unternehmen aus China in Höhe von 2,2 Mrd. EUR zu verzeichnen. Gleichzeitig setzt sich ein Großteil der deutschen Direkt­investitionen aus einer Handvoll von Großprojekten in der Chemie- und Automobilindustrie zusammen, wie z.B. die 10-Mrd.-EUR-Investition von BASF in die Produktion am Standort Zhanjiang. Solchen Investition liegen entsprechend lange Planungs- und Umsetzungshorizonte zugrunde. Demgegenüber hat der deutsche Mittelstand aktuell viele Investitionsvorhaben in China zurückgestellt und auf unabsehbare Zeit verschoben.

Inwieweit diese im Zuge einer etwaigen „China+1“-Strategie einiger Unternehmen bereits teilweise in andere Länder Asiens umgelenkt wurden, wird sich zeigen, wenn sich die Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Investitionsvorhaben in China wieder verbessert haben. China bleibt ­jedoch gerade für den deutschen Mittelstand sowohl als Zulieferer als auch als Absatzmarkt von enormer strategischer Bedeutung, sodass jedenfalls für die absehbare Zukunft nicht mit einer deutlichen Reduzierung des Engagements der deutschen Wirtschaft in ­China zu rechnen sein dürfte. China ist sich der Bedeutung ausländischer Investitionen – vor allem in bestimmten Schlüsselindustrien – bewusst und hat am 26. Oktober 2022 einen neuen Branchenkatalog zur Förderung ausländischer Investitionen herausgegeben. Der durch die PRC National Development and ­Reform Commission (NDRC) und das PRC Ministry of Commerce (MOFCOM) gemeinsam veröffentlichte „Catalogue of Industries for Encouraged Foreign Investment“ tritt am 1. ­Januar 2023 in Kraft und ersetzt den bislang gültigen Katalog aus dem Jahr 2020.

Direktinvestitionen deutscher Firmen in China (in Mrd. EUR); Quelle: DIW

Der Katalog gliedert sich erneut in einen allgemeinen Teil, der die Förderung bestimmter Sektoren und Indus­trie­zweige auf nationaler Ebene zum Gegenstand hat, sowie einen regionalen Teil, der speziell die Ansiedlung von Investitionen in strukturschwächeren Gegenden Chinas verfolgt. Der Schwerpunkt der auf nationaler Ebene geförderten Sektoren liegt im verarbeitenden Gewerbe ­(etwa im Bereich der erneuerbaren Energien) und der Informationstechnologie; auch der Dienstleistungs- und Freizeitsektor stehen im ­Fokus. Bei der regionalen Förderung reicht die Bandbreite von sauberer Kohleförderung und -nutzung in der Inneren Mongolei hin zu Wintersport im Nordosten Chinas.

Zollbefreiungen und Steuererleichterungen

Investoren winken unter anderem Zollbefreiungen für die im Rahmen des ­Investitionsvorhabens importierte Ausrüstung und Maschinen, Preisnachlässe beim Erwerb von Landnutzungsrech­ten sowie Steuererleichterungen. Gerade der deutsche Mittelstand wird jedoch darüber hinaus mit Interesse die weitere Entwicklung der Einreiserestriktionen in die Volksrepublik verfolgen. ­Viele Investitionsvorhaben wurden mangels Besuchsmöglichkeiten vor Ort sowie aufgrund eines fehlenden persönlichen Austauschs mit potenziellen Joint-Venture-Partnern und lokalen Führungskräften in den letzten beiden Jahren auf Eis gelegt. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags ist keine klare Richtung seitens der chinesischen Behörden erkennbar. Der Unmut in der Bevölkerung und der Druck auf die ­Behörden zu einer Abkehr von der strikten Null-COVID-Strategie nimmt zu.

Europäische Auslandsinvestitionen in China nach Ländern (2000–2021); Prozentzahl zum Jahreswert der Auslandsinvestitions-Transaktionen; Quelle: Rhodium Group

Auch das zunehmend komplexere regulatorische Umfeld in China stellt ausländische Investoren vor Herausforderungen. Insbesondere die Durchsetzung der 2021 erlassenen datenschutzrechtlichen Vorgaben steht im Fokus der Behörden. Neben den großen Verfahren, etwa in Bezug auf den Fahrdienstanbieter DiDi, nimmt der allgemeine Druck auf die Marktteilnehmer im Hinblick auf datenschutzrechtliche Compliance zu. Es drohen hohe Geldstrafen, weshalb gerade Unternehmen, die etwa personenbezogene Kundendaten ins Ausland transferieren, gut beraten sind, ihre datenschutzrechtlichen Compliance-Bemühungen zu erhöhen, um nur möglichst geringe Angriffs­flächen für die Behörden zu bieten.

Zeitgleich erarbeitet die deutsche Bundesregierung eine neue Strategie im Umgang mit China und läutet einen Kurswechsel ein. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Abhängigkeit deutscher Unternehmen von China, sei es als Absatzmarkt oder als Zulieferer von Vorprodukten und Rohstoffen, soll etwa die Vergabe von Investitionsgarantien zur Absicherung politischer Risiken für Investitionsvorhaben in China eingeschränkt und verstärkt auf neue Märkte umgelenkt werden. Bislang waren Inves­titionsgarantien für China stets am meisten nachgefragt: So hat der Bund etwa allein im Jahr 2021 Garantien im Volumen von rund 2 Mrd. EUR für Neu- und Erweiterungsinvestitionen deutscher Unternehmen in China übernommen. Stand 31. Dezember 2021 belief sich der Umfang ausgegebener Garan­tien für Investitionen in China auf knapp 11Mrd. EUR.

FAZIT

Für die Engagements in China sind von Unternehmen und Investoren differenzierte Antworten gefragt. Wann und in welchem Umfang viele der aktuell pausierten Investitionsvorhaben in China wieder aufgenommen und umgesetzt werden, hängt insbesondere vom weiteren Umgang Chinas mit den Heraus­forderungen der Pandemie und einer Öffnung der Grenzen unter sukzessiver Reduzierung und Aufhebung der Quarantänebestimmungen ab.

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Rechtstrends 2023 für Unter­nehmen, Investitionen und HR

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Nach einem durch zahlreiche Überraschungen geprägten Jahr 2022 ist ein nicht minder durch Änderungen geprägtes 2023 zu erwarten. Insbesondere sollten Unternehmen und Investoren die Entwicklungen bei den folgenden wichtigen Rechtsthemen für 2023 für sich bewerten. Ein Überblick.

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Für chinesische Unternehmen bleibt das Thema chinesisches Trans­parenzregister auch 2023 aktuell und wird sie in mehrerlei Hinsicht ­beschäftigen. Bereits zum August 2021 ist das Transparenzregister- und Finanz­informationsgesetz (TraFinG) in Kraft getreten, mit dem Zweck, das Geld­wäschegesetz (GWG) erheblich zu reformieren. Im Rahmen dessen hat man auch das Transparenzregister stark aufgewertet: Über das „Vollregister“ müssen sich nun Informationen über die wirtschaftlich Berechtigten aller transparenzpflichtigen Einheiten unmittelbar abrufen lassen.

Übergangsfristen abgelaufen

Die für die erforderlichen Meldungen geltenden Übergangsfristen sind – abhängig von der Rechtsform der Gesellschaft – zum 31. März 2022 beziehungsweise zum 30. Juni 2022 abgelaufen. Spätestens seitdem müssen sämtliche erforderlichen Daten im Transparenzregister hinterlegt sein. Allerdings sind noch längst nicht alle Unternehmen ihrer Pflicht nachkommen. Da bei Nichtmeldung Bußgelder von bis zu 1 Mio. EUR und in Sonderfällen bis zu 5 Mio. EUR (bei schwerwiegenden, wiederholten oder systematischen Verstößen) ­anfallen können, sollten nicht nur chinesisch-deutsche Unternehmen prüfen, ob die Meldung zum Transparenzregister vorgenommen wurde und ob die Informationen zu den wirtschaftlich Berechtigten auf dem aktuellen Stand sind.

Die Pflichten gelten für alle in Deutschland ansässigen Unternehmen gleich, und zwar unabhängig davon, ob der im Transparenzregister zu hinter­legende wirtschaftlich Berechtigte ­Inlands- oder Auslandsbezug hat. Insoweit sind auch wirtschaftlich Berechtigte anzugeben, wenn diese (wohn)ansässig in der Volksrepublik China sind. Die Meldepflicht trifft dabei die Geschäftsführung der Gesellschaft.

EuGH beschränkt öffentlichen Zugriff

Erhebliche Auswirkungen auf die bislang stetig wachsenden Transparenzanforderungen könnte ein Urteil des EuGH vom 22.11.2022 haben. Darin ­bejaht der EuGH die Vorbeugung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung als legitimes Ziel und dass öffentlichen Einsichtnahme diesem Ziel diene. Eine umfassende öffentliche Einsichtnahme sei allerdings weder erforderlich noch angemessen. Wie der dt. ­Gesetzgeber auf dieses Urteil reagieren wird, bleibt abzuwarten. Eine eindeutige Linie hingegen verfolgt der Gesetz­geber bei der Investitionskontrolle.

Prüfung von Unternehmenserwerben; Quelle: BMWK

Zunehmende Bedeutung der ­Investitionskontrolle

Der deutsche Gesetzgeber hat die Aufgreifschwellen für die Prüfung ausländischer Direktinvestitionen (Foreign ­Direct Investments; FDI) noch einmal gesenkt. Flankierend dazu wurden und werden stetig neue Sektoren und Wirtschaftstätigkeiten als potenziell sicherheitsrelevant angesehen; man denke an die COSCO-Beteiligung in Hamburg. Für chinesische Investoren ist diese Entwicklung besonders relevant, da sie – auch aufgrund der aktuellen geopolitischen Spannungen – eher die investorenbezogenen Prüfkriterien erfüllen müssen als etwa ein EU- oder US-Investor. Entscheidendes Kriterium für eine Freigabe auch bei Beteiligungen aus China bleibt, ob die Tätigkeit des Zielunternehmens die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland negativ berührt (z.B. bei kritischen Infrastrukturen und Software, autonomem Fahren, neuen Technologien etc.). Für eine erfolgreiche Freigabe sind auch ­viele Informationen über den chinesischen Investor beizubringen, z.B. zu Konzernstruktur, Geschäftstätigkeit oder sonstigen Aktivitäten im In- und Ausland. Insbesondere bei investierenden chinesischen Staatsunternehmen erweist sich das als schwierig. Deshalb sollte man sich frühzeitig mit den die Transaktion begleitenden Anwälten vorbereiten.

Dies gilt auch für die Frage, ob überhaupt ein kontrollpflichtiger Erwerb vorliegt. Dabei wird häufig übersehen, dass auch (scheinbar) reine Auslandszusammenschlüsse (Foreign-to-Foreign Investments) von der deutschen Investitionskontrolle erfasst sein können. Erwirbt eine chinesische Gesellschaft Anteile an einer anderen chinesischen Gesellschaft und hält letztere wiederum ihrerseits Anteile an einer deutschen Tochtergesellschaft, kann auch dieser Erwerb meldepflichtig sein und darf nicht vor Freigabe durch das zuständige Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) vollzogen werden. Die deutsche Bundesregierung (vertreten durch das BMWK) behält sich weiterhin vor, eine geplante Investition auch dann zu prüfen, einzuschränken, mit Auflagen zu versehen oder – schlimmstenfalls – zu unter­sagen, wenn die Katalogtatbestände in §§ 55a, 60 der Außenwirtschaftsverordnung (AWV) nicht erfüllt sind („insbesondere“). In der Praxis empfiehlt sich auch bei deutsch chinesischen Transaktionen die Beantragung einer sogenannten Unbedenklichkeitsbescheinigung, um Transaktionssicherheit zu erlangen.

Für die erfolgreiche Durchführung ­einer ausländischen Direktinvestition ist – mehr denn je – eine möglichst frühe und umfassende Befassung erforderlich. Es zeigt sich der Trend, dass die Verkäuferseite in den Transaktionsverträgen für den Fall der Untersagung die Investorenseite zum Ersatz von Kosten verpflichten möchte. Auch für die ­Abschätzung des Untersagungsrisikos sollte das Transaktionsteam des Investors möglichst frühzeitig relevante Prüfungen vornehmen.

Das müssen Arbeitgeber 2023 wissen

Neben den transaktionsrelevanten Rechtsthemen sollten Unternehmen und Investoren auf Entwicklungen im Arbeitsrecht blicken, insbesondere auf das Nachweisgesetz , das zum 1. August 2022 in Kraft trat. Demnach muss auch der in Deutschland tätige chinesische Arbeitgeber Arbeitnehmer über gewisse wesentliche Vertragsbedingungen schriftlich informieren, sonst droht ein Bußgeld jeweils bis zu 2.000 EUR. Dazu gehören z.B. der Arbeitsort, eine Beschreibung der Tätigkeit, die Zusammensetzung des Arbeitsentgelts inkl. Überstunden und Zuschläge, die vereinbarte Arbeitszeit und, sofern vereinbart, die Anordnung von Überstunden und deren Voraussetzungen. Für Neueinstellungen sind bisherige Vertragsmuster anzupassen. Bei bereits bestehenden Arbeitsverhältnissen muss der Arbeitgeber den Arbeitnehmer auf dessen Verlangen sehr zeitnah nachinformieren.

Pflicht zur Arbeitszeiterfassung

Auch in Deutschland tätige chinesische Arbeitgeber müssen ein System zur Arbeitszeiterfassung einzuführen, das über die bisherigen Pflichten hinausgeht, so die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts vom 13. September 2022. Noch unklar ist, wie Arbeitgeber jetzt ihre Arbeitszeiterfassung im ­Detail anpassen müssen. Nach dem ­Arbeitssicherheitsgesetz droht ein Bußgeld erst nach entsprechenden Auf­lagen zur Arbeitszeiterfassung.

Verpflichtende Whistleblowing-­Systeme ab 2023

Voraussichtlich Anfang 2023 wird die Bundesregierung das neue Gesetz zum Schutz von Whistleblowern („Hinweisgeberschutzgesetz“) erlassen. Demzufolge werden Unternehmen mit 250 oder mehr Mitarbeitern eine interne Meldestelle für Hinweisgeber einrichten müssen. Für Unternehmen mit 50 oder mehr Beschäftigten gilt dies erst ab dem 17. Dezember 2023. Zuwiderhandeln kann zu Bußgeldern von bis zu 20.000 EUR führen. Eine Neuerung, die chinesischen Investoren möglicherweise nicht parat haben.

FAZIT

Fragen um das Transparenzregister und die Investitionskontrolle waren bereits 2022 von großer Relevanz und bleiben auch im kommenden Jahr aktuell oder gewinnen sogar an Bedeutung und müssen daher insbesondere auch von chinesischen Unternehmen und Investoren beachtet werden. Für das Personalwesen werden zur Arbeitszeiterfassung und im Hinblick auf die Einrichtung von Whistleblowing-Systemen neue gesetzliche Regelungen erwartet. Chinesische Investoren sollten sie nachverfolgen und nach Inkrafttreten im Speziellen beachten, insbesondere auch um ggf. Bußgelder zu vermeiden.

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US-Gesetzesvorhaben bedroht deutsche Chinainvestitionen

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Im Rahmen der zunehmenden geopolitischen Spannungen und des Wettstreits um die ­Technologieführerschaft ordnen die USA ihr Verhältnis mit China neu. Das jüngste US-amerikanische Gesetzesvorhaben für ein neues Outboundinvestitionskontrollsystem betrifft potenziell auch die Chinainvestitionen und Joint-Venture-Projekte deutscher Unternehmen.

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Die strategische Rivalität zwischen den USA und China zwingt global agierende Unternehmen dazu, sich mit einem immer dynamischeren und komplexeren regulatorischen Umfeld auseinanderzusetzen. Der US-Gesetzgeber plant aktuell mit dem National Critical Capabilities Defence Act ein neuartiges Outboundinvestitionskontrollverfahren für Investitionen und Technologietransfer (z.B. im Rahmen von Joint-Venture-Projekten) mit Bezug zu Staaten, die Anlass zur Besorgnis geben („country of concern“). Das Gesetzesvorhaben nimmt sowohl Outboundaktivitäten von US-Unternehmen als auch von Unternehmen aus Drittstaaten mit wesentlichem US-Geschäft in den Blick und zielt vor allem auf den ­Rivalen China. Für deutsche Unternehmen mit Geschäft in den USA und China ist es daher von höchster Relevanz.

Das geplante Outboundinvestitionskontrollsystem

Das National Critical Capabilities Committee (NCCC) ist als neuer, ressortübergreifender Ausschuss der US-Regierung geplant und soll als Kontrollorgan spiegelbildlich zu einem bereits aus der Inboundinvestitionskontrolle bekannten Organ errichtet werden, dem Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS).

Nach dem Gesetzesvorhaben soll eine Outboundaktivität unter folgenden Umständen anmeldepflichtig sein, wenn sie

(i) einen Sektor betrifft, der den nationalen kritischen Fähigkeiten („natio­nal critical capabilities“) zugeordnet wird, und

(ii) im Rahmen des Investments oder Technologietransfers ebenfalls ein Unternehmen involviert ist, das eine Beziehung zu einem besorgniserregenden Staat (vor allem China, Russland, Iran, Nordkorea, Kuba und Venezuela) aufweist („entity of concern“). Zu den relevanten Sektoren zählen dabei insbesondere Halbleiterherstellung, Hochleistungsbatterien, kritische Mineralien und Materialien, Arzneimittel, künstliche Intelligenz, Bioökonomie und Quantentechnologie.

Neben Transaktionen umfasst der Gesetzesvorschlag umfangreiche Aktivitäten in Hinblick auf die Entwicklung, Herstellung, Übertragung und Lizenzierung von Technologien und Know-how. Die finanzielle Förderung sowie die dahin gehende Beratung fallen ebenfalls unter den Anwendungsbereich des Gesetzes, sofern sie einen ­Bezug zu einer nationalen kritischen Fähigkeit aufweisen.

Vom Begriff der „entity of concern“ sind nicht nur Unternehmen erfasst, die ihren Satzungs- oder Verwaltungssitz in einem der relevanten Länder haben: Vielmehr ist jedes Unternehmen betroffen, das über einen wesentlichen Anteilsinhaber aus einem „country of concern“ verfügt oder das anderweitig von einem solchen Staat beeinflusst wird. Auch wenn ein deutsches Unternehmen mit wesentlichen US-Geschäft Investmentaktivitäten mit einer solchen entity of concern anstrebt, ist dies nach dem Gesetzentwurf dem NCCC anzuzeigen.

Nach Anmeldung einer beabsichtigten Aktivität hat das NCCC 45 Tage Zeit zur Überprüfung. Der Ausschuss kann dann unter Berücksichtigung der Auswirkungen auf die jeweilige nationale kritische Fähigkeit Empfehlungen abgeben, um „inakzeptable“ Risiken zu beseitigen. Im Extremfall kann das NCCC dem US-Präsidenten empfehlen, eine Outboundaktivität zu untersagen. Verstöße gegen das Gesetz können mit Bußgeldern von bis zu 250.000 USD geahndet werden. Rechtsschutzmöglichkeiten gegen die behördlichen Maßnahmen bestehen nicht.

Extraterritoriale Anwendung

Entsprechende deutsche Unternehmen mit Chinabezug sollten den breiten extraterritorialen Anwendungsbereich des geplanten Gesetzes nicht unterschätzen: Es soll nicht nur für Unternehmen mit Sitz der Konzernobergesellschaft in den USA gelten, sondern ausdrücklich auch für Unternehmen aus Drittstaaten, die US-Tochtergesellschaften haben oder wesentliches US-Geschäft betreiben. Dadurch soll eine Umgehung des Gesetzes, etwa durch eine Verlagerung von IP-intensiven Operationen oder relevanten Vermögens aus den USA in Drittstaaten, erschwert werden.

Deutsche Unternehmen im sino-amerikanischen Spannungsfeld

Trotz aller politischer Debatten steigen die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 investierten deutsche Unternehmen rund 10 Mrd. EUR in China. Zu den deutschen Top-Investoren gehören dabei vor allem Autohersteller und Chemiekonzerne, die weiterhin sehr stark am chinesischen Markt festhalten.

Diese Neuinvestitionen könnten für deutsche Konzerne und Unternehmen, die in China investiert sind, zum Problem werden. Sollte das US-Gesetzvorhaben in Kraft treten, könnten sie unter den extraterritorialen Anwendungsbereich der US-Investitionskontrolle fallen. Bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes bestehende Geschäftstätigkeiten bleiben davon nicht verschont, denn das geplante Gesetz umfasst auch die Prüfung von dauerhaften Strukturen, auf deren Basis ein wirtschaftlicher Austausch stattfindet.

FAZIT

Der Machtkampf zwischen den USA und China prägt auch die regulatorischen Entwicklungen mit Konsequenzen für deutsche Unternehmen und ihre­ Chinageschäftsaktivitäten. Da Republikaner und Demokraten in der Frage der Chinapolitik weitgehend geeint sind, dürfte ein neues US-Outboundinvestitionskontrollverfahren noch unter der Biden-Administration etabliert werden. Auch Deutschland und andere Länder der westlichen Wertegemeinschaft könnten sich dadurch dazu ermutigt fühlen, ähnliche Schritte zu gehen. Im Worst-Case-Szenario könnte dies eine weitere Reformwelle der Investitionsregulierung bewirken, mitsamt den dadurch entstehenden Hindernissen für grenzüberschreitende Investitionen. Für die internationale M&A-Praxis mit Chinabezug sind das Gesetzesvorhaben und die damit verbundene Rechtsunsicherheit ein weiteres Warnsignal. Betroffenen deutschen Unternehmen ist bei der Planung ihrer Strategie und insbesondere bei konkreten Investitionen zur Vorsicht zu raten.

www.dlapiper.com

Berenberg Märkte-Monitor: China startet in das Jahr des Hasen

Märkte im Strudel der Nachrichten

Kurzfristiger Ausblick

Nach einem Jahr im Zeichen der Inflation und Rezessionsängsten dürften 2023 verstärkt die Unternehmensgewinne im Fokus der Anleger stehen. Spannend wird es daher ab Mitte Januar, da dann die Q4-Berichtssaison mit den Zahlen der US-Großbanken deutlich an Fahrt aufnimmt.

Zudem findet das Wirtschaftsforum in Davos vom 16. bis 20. Januar statt und am 22. Januar beginnt in China das Jahr des Hasen. Die deutsche Inflation (Dez.) und die Einzelhandelsumsätze (Nov.) werden am Dienstag veröffentlicht. Der chinesische sowie die Eurozonen-Service-Einkaufsmanagerindizes (PMI, Dez.) und der ISM-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe für die USA (Dez.) sowie die Inflationsdaten (Dez.) für Frankreich folgen am Mittwoch.

Prof. Dr. Bernd Meyer, Berenberg

Am Freitag werden die deutschen und die US-Auftragseingänge (Nov.), das Wirtschaftsvertrauen (Dez.) in der Eurozone, der ISM-Service-PMI (Dez.) sowie die US-Arbeitsmarktdaten (Dez.) bekannt gegeben.

Der Berenberg Märkte-Monitor erscheint zweiwöchentlich und gibt mithilfe wiederkehrender Abbildungen und Daten einen strukturierten Überblick über die aktuellen Entwicklungen an den Kapitalmärkten und beleuchtet jeweils eine wichtige Entwicklung näher.

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Schon unsere brandneue Jahresausgabe ‚Anleihen 2022‘ (11. Jg., Erscheinungstermin Dez 2022) gesehen?

Die Ausgabe 3/2022 Biotechnologie 2022 der Plattform Life Sciences ist erschienen. Die Ausgabe kann bequem als e-Magazin oder pdf durchgeblättert oder heruntergeladen werden.

2023: China als Joker?

Aufwärtspotenzial für 2023 könnte darin bestehen, dass die großen Zentralbanken eine außergewöhnlich weiche Landung hinlegen und eine Rezession vermeiden. Und China ? Von Paul O’Connor*

Abgesehen von diesen zyklischen Entwicklungen in den Industrieländern bleibt China ein potenzieller Joker für die weltweiten Konjunkturaussichten. Ökonomen erwarten für 2023 eine deutliche Erholung des chinesischen Wachstums, da die Regierung ihre Null-Covid-Politik letztendlich aufgeben dürfte. Obwohl eine geordnete Wiederöffnung der chinesischen Wirtschaft ein plausibles Szenario ist, scheint es unwahrscheinlich, dass selbst die erfolgreichste Version die Wirtschaft vor Jahresmitte ankurbeln wird.

Auch China rutschte 2022 stark in Richtung Rezession

Weitere Fortschritte bei der Entwicklung chinesischer mRNA-COVID-Impfstoffe könnten das Vertrauen in dieses Ergebnis stärken, dennoch dürfte die Pandemie in den ersten Monaten des Jahres weiterhin für erhebliche wirtschaftliche Beeinträchtigungen sorgen. Angesichts dieser Unwägbarkeiten und der anhaltenden wirtschaftlichen und finanziellen Bedrohungen durch die sich abzeichnende Immobilienkorrektur bleiben die Aussichten für die chinesische Wirtschaft außergewöhnlich unberechenbar und bieten Spielraum für positive wie negative Überraschungen in einem Ausmaß, das den globalen Konjunkturverlauf 2023 verändern könnte.

Während die Wachstumsprognosen der Ökonomen einigermaßen optimistisch sind, erscheinen die Gewinnprognosen der Analysten sehr optimistisch. Für die Finanzmärkte bedeutet dies, dass in der ersten Jahreshälfte mit anhaltenden Gewinnherabstufungen zu rechnen ist, was die Anlegerstimmung wahrscheinlich weiter belasten wird. Doch selbst wenn sich die Wachstumsdynamik für Risikoanlagen als problematisch erweisen sollte, gibt die Aussicht auf einen Höchststand der Zinssätze Anlass zu Optimismus.

Während des aktuellen Zinserhöhungszyklus haben sich Aktien umgekehrt und eng an die Zinsvolatilität gehalten. Angesichts der Verlangsamung der Zinserhöhungen durch die US-Notenbank dürfte sich die Zinsvolatilität abschwächen und Aktien und anderen Risikoanlagen helfen, nach den geldpolitischen Änderungen und Schocks des Jahres 2022 wieder zur Ruhe zu kommen. In der Tat zeigt die Geschichte, dass Aktien nach der letzten Zinserhöhung der US-Notenbank (Fed) in der Regel gut abschneiden, außer wenn sie ungewöhnlich teuer waren.

*) Paul O’Connor ist Head of Multi-Asset und Portfolio Manager bei Janus Henderson Investors

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Soft Landing für Chinas Konjunktur

Soft Landing oder doch keines? Es war ein volatiles Jahr an den Märkten für Schwellenländeranleihen mit einer Atempause im Hochsommer und im vierten Quartal. Hochverzinsliche Emerging Markets-Staatsanleihen entwickelten sich im 4. Quartal recht gut, da die Anleger negative Nachrichten erwarteten, die nicht eintraten. Diese Dynamik könnte sich im ersten Quartal 2023 fortsetzen.

Dispersion könnte ein zweites wichtiges Thema bei Schwellenländeranleihen im Jahr 2023 sein. Idiosynkratische und Bottom-up-Faktoren werden weiterhin die Renditen bestimmen, und es gibt erhebliche Unterschiede je nach Ländern, Unternehmen und Währungen. Aufgrund der Widerstandsfähigkeit einiger Emittenten und Währungen sind wir jedoch zuversichtlicher, als wir es über weite Strecken des Jahres 2022 waren. Der aktuelle Marktkommentar von Cathy HepworthHead of Emerging Markets Debt bei PGIM Fixed Income:

Wir sind ebenfalls der Meinung, dass China eher eine weiche Landung – soft Landing – erleben wird, was dem gesamten Bereich der Schwellenländeranleihen helfen wird. Die chinesische Regierung scheint ihre Null-Covid-Politik allmählich aufzugeben und ihre Unterstützung bei der Lösung der Probleme des Immobiliensektors könnte sogar noch wichtiger sein. Schließlich erwarten wir für 2023 einen negativen Nettoabsatz von Staats- und Unternehmensanleihen bei den Schwellenländern.

Vor diesem Hintergrund bilden Staatsanleihen der Schwellenländer in harter Währung ein breites Universum, das sich über viele Bonitätsstufen erstreckt, aber eindeutig einige Länder mit solider Haushaltslage und gesunden Zahlungsbilanzen enthält. In den von uns verwalteten Portfolios sind wir am positivsten für Emittenten mit BB-Rating gestimmt, von denen wir erwarten, dass sie sich auch bei steigender Volatilität gut entwickeln werden.

Im Gegensatz dazu sind die meisten ausfallgefährdeten staatlichen Emittenten bekannt und ihr Ausfallrisiko ist im Allgemeinen eingepreist. Bei den EM-Unternehmensanleihen konzentrieren wir uns hauptsächlich auf Emittenten mit BB- und Investment-Grade-Rating. Diese stellen ein gut diversifiziertes Universum dar, das auch Emittenten mit starken Bilanzen umfasst.

Cathy Hepworth

Wir positionieren die von uns verwalteten Portfolios mit einer leichten Übergewichtung in lokalen Emerging Markets-Zinsen, bleiben aber selektiv. Wir werden noch optimistischer werden, sollte sich die wirtschaftliche Lage Chinas klären.

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China auf dem Weg zur Erholung

Bild1-DeZhongTongXing
http://german.china.org.cn/international/archive/dezhongtongxing/2010-06/30/content_20386592.htm

Das Dreiergespann aus strenger Null-Covid-Politik, Immobilienkrise und einer drohenden globalen Rezession hat China in diesem Jahr verlangsamt.

Laut dem europäischen Vermögensverwalter und ETF-Anbieter Tabula Investment Management gibt es jedoch zunehmend positive Anzeichen für eine Rückkehr des Wachstums.

Chinas Central Economic Work Conference (CEWC) endete am Freitag letzter Woche mit dem Versprechen weiterer politischer Unterstützung für Verbraucher und insbesondere für Immobilienentwickler. China wird ‚die Inlandsnachfrage stärken‘ und ‚der Wiederherstellung und Ausweitung des Konsums Vorrang einräumen‘. Der Konsum wurde in diesem Jahr durch die Angst vor Quarantäne geschwächt und leidet nun unter der Angst vor COVID selbst, da Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen in den Städten der Stufe 1 zunehmend unter Druck geraten.

Für den Immobiliensektor machten die chinesischen Behörden auf der CEWC deutlich, dass sie ‚den angemessenen Finanzierungsbedarf der Bauträger decken‘ und Fusionen, Übernahmen und Umstrukturierungen fördern werden, um zur Stabilisierung des Sektors beizutragen.

Shanghai: Vorzeigemetropole in China

Michael John Lytle, CEO von Tabula, dazu: „Die chinesische Regierung hat den Großteil ihrer Fiskalunterstützung in der ersten Hälfte des Jahres 2022 aufgebracht, und der Haushalt für 2023 wird erst im kommenden März festgelegt. Da die Ausgaben sowohl der Verbraucher als auch der Privatwirtschaft unter Druck stehen, wird die Regierung eingreifen müssen, um das BIP-Wachstum im nächsten Jahr zu stimulieren. Insbesondere werden wir 2023 wahrscheinlich eine Ausweitung der steuerlichen Unterstützung und auch mehr Mittel sehen, um sicherzustellen, dass der Immobiliensektor endlich aus seiner Krise herauskommt.“

China und Asien

Lytle zufolge stehen die Zeichen gut für High Yield Anleger, die Asien bereits als Quelle attraktiver Renditen identifiziert haben. Tabulas Asia ex-Japan High Yield Corporate USD Bond ESG UCITS ETF hat in den letzten 30 Tagen um mehr als 20% zugelegt und bietet nun eine Bruttorendite von ca. 18%. Der ETF hat in diesem Jahr Nettozuflüsse in Höhe von über 140 Mio. USD verzeichnet – die zweithöchsten Zuflüsse aller in Europa notierten festverzinslichen High Yield-ETFs – und Lytle geht davon aus, dass weitere Anleger folgen werden.

Fotolia; © axz65

Lytle meint:Präsident Xi hat sich klar für eine weitere Abkehr von marktbasierten Reformen zugunsten einer staatlich geführten Kampagne zur Steigerung der Eigenversorgung und der wirtschaftlichen Sicherheit ausgesprochen, was bedeutet, dass die Sicherung von Nahrungsmitteln, Energieressourcen und wichtigen industriellen Lieferketten gewährleistet werden muss. Das Ziel des gemeinsamen Wohlstands – die Verringerung der Ungleichheit – bleibt eine hohe Priorität. Dies alles sind Faktoren, die für High Yield Anleger in Asien positiv zu werten sind.“

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2023: China als Risikofaktor für Konjunktur und Kapitalmärkte?

Die Geldanlage 2023 wird aus Sicht der Hamburger Sutor Bank geprägt von mehr negativen als positiven Faktoren: China wird 2023 endgültig zum Risikofaktor für Konjunktur und Märkte. Von Mathias Beil*

Die Inflation wird zwar schwächer, aber immer noch steigen die Preise und die Notenbanken reagieren mit Zinserhöhungen. Wir werden um eine Rezession wohl nicht herumkommen.

Diese wird aber milder ausfallen als befürchtet. Während die Aktienmärkte 2023 weiterhin stark schwanken könnten, dürften die Rentenmärkte wieder einen positiven Beitrag zur Performance beisteuern.

China als Risiko für die Kapitalmärkte

Die chinesische Wirtschaft entwickelt sich vom impulsgebenden Motor zum großen Risiko für die Kapitalmärkte. Während lange Zeit die ständigen und umfassenden Lockdowns im Zuge der Null-Covid-Strategie den Binnenmarkt stark gebremst haben, könnte sich dies angesichts stark steigender Covid-Infektionen nach der Abkehr von der harten Lockdown-Strategie fortsetzen. Die Produktion dürfte auch weiterhin massiv gestört sein, mit erheblichem Einfluss auf die Lieferketten. Wachstumsraten und Einkaufsmanager-Indizes zeichnen ein schwächelndes Bild.

Covid wird in China gerade erst wieder zu einem Thema

Die chinesische Regierung befindet sich in der Zwickmühle. Um den Binnenkonsum nicht noch weiter abzuwürgen und die Stimmung in der Bevölkerung zu verbessern, hat sie die Corona-Politik gelockert. Da aber der Immunschutz der Bevölkerung alles andere als gut ist, riskiert die Regierung nun schnell steigende Infektionen und in deren Folge wahrscheinlich eine hohe Zahl an Todesfällen. Der goldene Mittelweg wird hier gesucht werden. Allerdings dürfte dies dauern, sodass China als Wachstumsmotor für die Welt bis auf weiteres ausfällt.

Zinsen dürften vorerst weiter steigen – in Europa ist eine Rezession sehr wahrscheinlich
Die Energiepreise und damit die Inflation dürften zunächst hoch bleiben. „Für Europa gehen wir im kommenden Jahr von einer Inflationsrate zwischen 5 und 7% aus. Die Notenbanken werden die Zinsen deshalb weiter anheben. In kleineren Schritten zwar, aber immer noch weiter. Erst in der zweiten Jahreshälfte 2023 könnte der Kipppunkt erreicht werden, wonach die Zinsen nicht weiter angehoben, sondern tendenziell wieder zurückgenommen werden.

In den USA sollte die Inflation 2023 mit zwischen 4 und 6% etwas geringer ausfallen als in Europa. Auch dort deute die inverse Zinsstrukturkurve auf eine Rezession hin, die aber ähnlich wie in Europa eher mild verlaufen sollte. Unruhe kommt in den USA vor allem von der politischen Seite: Nach den Mid Term-Wahlen wird sich der Fokus der Demokraten wieder stärker auf die Innenpolitik richten. Das bedeutet aber auch, dass die USA bei der Unterstützung der Ukraine die NATO-Partner stärker in die Pflicht nehmen werden, was höhere Ausgaben bedeutet.

Von Havarie bis Durchstarten ist 2023 alles möglich

Schwankungen an Aktienmärkten bleiben – mehr Renditechancen bei Anleihen

Die Aktienmärkte werden 2023 noch relativ stark schwanken, auch deutliche Rücksetzer sind möglich. Verläuft die Rezession tatsächlich in Europa wie in den USA relativ milde und kommt die Konjunktur in China nicht ganz unter die Räder, könnte es am Ende des Jahres aber durchaus Positives von den Aktienmärkten geben.

2023 dürfte der Rentenmarkt im Gegensatz zu diesem Jahr einen positiven Performancebeitrag liefern. Das Marktumfeld muss aber weiterhin im Blick behalten werden. Anleger sollten sich auf bonitätsstarke Emittenten konzentrieren. Diese sind etwa im Bereich Unternehmensanleihen zu finden, zum Beispiel bei Großunternehmen mit dominierender Marktstellung. Bei Staatsanleihen stehen die USA sowie EU-Länder im Fokus. Hochzinsanleihen wiederum sind im Vorfeld einer möglichen – wenn auch nur sanften – Rezession ein zu hohes Risiko.

Mathias Beil, Sutor Bank

Das Tempo der Notenbanken wird die Anleihemärkte weiter bestimmen. Doch nach Jahren ohne positive Renditen an den Anleihemärkten kann man jetzt im Depot wieder Anleihen beimischen. Das Angebot interessanter Papiere wird größer, bei der Auswahl heißt es umso genauer hinzuschauen.

 *) Mathias Beil ist Leiter Private Banking der Sutor Bank.

Über die Sutor Bank

Die Hamburger Sutor Bank, gegründet 1921, bietet klassisches Private Banking, betreibt eine Banking-Plattform für digitale Partner und kooperiert mit unabhängigen Finanzdienstleistern.

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China, Zinsen & Energie

Die Abkopplung von China, der langfristige Anstieg der Zinsen und die Energiewende werden die Investmentwelt auf Jahre hinaus verändern. Von Evan Russo*

Wir sehen eine deutliche Abkopplung in China von den Vereinigten Staaten und Europa, die ihrerseits immer mehr zu einer gemeinsamen Front oder einem Block werden. Diese Abkopplung wird viele Jahre dauern und im Wesentlichen eine Abkehr von der Globalisierung bedeuten. Dies wirft für alle Anleger zwei wichtige Fragen auf.

Erstens: Wie werden sich die Auswirkungen auf das globale Wachstum gestalten? Denn obwohl sich die chinesische Wirtschaft in den letzten Jahren sukzessive verlangsamt hat, trug sie jahrzehntelang wesentlich zum weltweiten BIP-Wachstum bei. Und zweitens: Was wird mit den Lieferketten geschehen?

Wenn sich die Volkswirtschaften stärker lokalisieren, könnten sie als Reaktion auf den Rückzug Chinas ändern, was sie produzieren und welche Geschäfte sie betreiben. Einige Länder könnten davon profitieren – man denke nur an Mexiko und eine Reihe weiterer Länder, die geopolitisch und wirtschaftlich zwischen China und dem Westen angesiedelt sind, wie Indien und Vietnam.

Auf dem Weg in die alte Zins-Normalität

Doch nicht nur die geopolitischen Umwälzungen wirken sich aus: Auch die höheren Zinssätze haben dramatische Auswirkungen auf das Finanzsystem. So ist der 3-Monats-LIBOR-Satz in den USA zum Beispiel allein in diesem Jahr von nahezu Null auf über 4% gestiegen. Nach mehr als einem Jahrzehnt historisch niedriger Zinssätze könnte die eigentliche Erkenntnis sein, dass das Kapital nicht mehr kostenlos ist. Auf der anderen Seite bedeuten höhere Zinssätze höhere Renditen für die Anleger. In Zukunft wird es wahrscheinlich attraktive Alternativen zu Aktien und anderen Risikoassets geben – eine willkommene Nachricht für viele Investoren.

Die große Frage bleibt jedoch bestehen: Werden höhere Zinsen die neue Normalität sein oder handelt es sich um eine vorübergehende Erscheinung? Unserer Ansicht nach deuten die Zahlen auf Ersteres hin. Wenn die US-Inflation, die derzeit bei etwa 8% liegt, zu sinken beginnt und im Laufe des Zyklus zwei bis 4% erreicht, was eine vernünftige Annahme zu sein scheint, und wenn die US-Notenbank den Leitzins bis 2023 anhebt, könnten Zinssätze von 5% oder mehr zur Norm werden.

Dies ist zwar ein erheblicher Sprung gegenüber dem Vorjahr, aber vor der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 sind die Zinssätze in der Regel auf diesem oder einem höheren Niveau gelegen. Also eine Rückkehrt zur Normalität? Es besteht allerdings die Gefahr, dass der Übergang zu höheren Zinsen holprig wird. Die jüngsten Verwerfungen auf dem britischen Anleihemarkt sind dafür ein Paradebeispiel gewesen. Weitere Störungen sind möglich und wir beobachten genau, ob es zu Veränderungen kommt, insbesondere im Hinblick auf die Liquidität.

Energie-Alternativen noch unterentwickelt

Als dritten zentralen Gamechanger in der Investmentwelt ist schließlich die Energiewende anzusehen. Obwohl bei den Technologien in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht wurden, sind erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Wasserstoff und anderen Quellen noch nicht weit genug verbreitet, um die Energielücke zu schließen, die durch den Verlust der russischen fossilen Brennstoffe in Europa und im Westen entsteht. Eine Kombination aus Erdöl, Erdgas, Kernkraft und Kohle wird länger als erwartet benötigt werden, was den Übergang zu sauberer Energie neu definiert und verlängert.

Für Anleger habe dies unmittelbare Auswirkungen – egal ob sie direkt in diese Unternehmen investieren wollten oder nicht.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Wandel auch Chancen mit sich bringt. Kurzfristiges Momentum hat die Märkte eine Zeit lang angetrieben, aber wir glauben, dass aktives Investieren in den kommenden Jahren entscheidend sein wird, um den zunehmend komplexen Markt zu navigieren.

*) Evan Russo ist Global CEO von Lazard Asset Management LLC

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Umbau der Lieferketten: v.a. Südkorea und Taiwan profitieren

Dank des Optimismus in Bezug auf Chips und Elektrofahrzeuge sowie starker Fundamentaldaten könnten Südkorea und Taiwan langfristige Chancen bieten. Von Dina Ting und Marcus Weyerer*

Südkoreanische und taiwanesische Aktien gehören im vierten Quartal 2022 bislang zu den Aktien mit der weltweit besten Wertentwicklung, und dies aus gutem Grund, wie wir meinen. Während die asiatischen Tigerstaaten Singapur und Hongkong im Berichtsquartal zwischen 2 und 9% zulegten, erzielten Südkorea und Taiwan ein Plus von 17 bzw. 12%.  Der Gesamtmarkt der Schwellenländer verzeichnete einen Zuwachs von knapp 5%.

Ausschlaggebend für den jüngsten Anstieg der relativen Wertentwicklung scheinen folgende Faktoren zu sein:

– Anleger auf Schnäppchenjagd
– Optimismus auf dem Markt für Halbleiterchips und Elektrofahrzeuge
– Starke Fundamentaldaten

Wie nachhaltig ist dieser Trend, und lohnt es sich für Anleger, sich nun näher damit zu befassen? Betrachten wir die einzelnen Elemente, die die Renditen beeinflussen.

1. Schnäppchenjagd

Beide Märkte haben in letzter Zeit einige der gravierendsten Kursverluste seit mindestens zwei Jahrzehnten erlebt. Ende November lag der FTSE South Korea Capped Index 40% unter seinem Allzeithoch, während der taiwanesische Index um 28% gesunken war. Diese Renditen sind deutlich schwächer als während der globalen Finanzkrise, übertreffen jedoch Bärenmärkte wie 2015-16, als die chinesische Aktienblase platzte, oder wie während des Handelskriegs zwischen den USA und China im Jahr 2018. Außerdem übertrifft die Rendite im Falle Taiwans auch den coronabedingten Absturz vom Frühjahr 2020.

Für sich genommen wäre diese Entwicklung für uns kein ausreichender Grund, diese Märkte als attraktiv bewertet anzusehen. Doch selbst bei der Aussicht auf eine mögliche globale Rezession – was nicht unser Basisszenario ist – glauben wir, dass die vergleichsweise niedrigen Bewertungen einen Puffer für ein etwaiges Herabsetzen der Gewinnerwartungen bieten können.

Während die Bewertungskennzahlen sich bereits nicht mehr auf ihren Höchstständen befinden, werden die US-Märkte immer noch mit einem geschätzten zukunftsgerichteten Kurs-/Gewinnverhältnis (KGV) von 18 gehandelt, wohingegen Südkorea und Taiwan bei 10x und 11x liegen. Der Abschlag beim Kurs-/Buchwertverhältnis (KBV) ist nach unserer Analyse noch deutlicher.

Das vielleicht bemerkenswerteste Beispiel für die Jagd nach einem möglichen Schnäppchen liefert Warren Buffetts Berkshire Hathaway: Die Holdinggesellschaft hat vor Kurzem eine neue Beteiligung in Höhe von 5 Mrd. USD an Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC) gemeldet. Die Nachricht kam nur wenige Wochen nachdem die USA neue Beschränkungen für den Verkauf moderner Halbleiter an China erlassen hatten. Dies zielt in erster Linie darauf ab, die chinesischen Technologiekapazitäten, einschließlich militärischer Anwendungen künstlicher Intelligenz (KI), zu beschränken, ist aber auch ein weiterer Schritt zur „Entkopplung“ der Lieferketten von China im Allgemeinen. Die immer beliebter werdende „China-plus-eins“-Strategie könnte Südkorea und Taiwan mittelfristig einige Geschäfte verschaffen.

Die jüngste Verabschiedung des US Inflation Reduction Act, der darauf abzielt, Investitionen in die heimische Produktion zu fördern und die Beschaffung wichtiger Güter von Freihandelspartnern voranzutreiben, könnte einen ähnlichen Effekt haben – vorausgesetzt, die taiwanesischen und südkoreanischen Hersteller erreichen die Verlängerung der Steuervergünstigungen auf Bundesebene, für die sie sich einsetzen.

Bei der Herstellung von Halbleiterchips sind die Eintrittsbarrieren aufgrund des enormen Kapitalbedarfs und des technologischen Know-hows bekanntermaßen sehr hoch. Dadurch ist die Dominanz der wenigen großen Akteure der Branche gesichert. TSMC hat vor kurzem vorläufige Pläne bekannt gegeben, in seiner neuen Fabrik im Westen der USA (Arizona) modernste Chips zu produzieren. Der Anteil der USA an der weltweiten Chipherstellung betrug im letzten Jahr jedoch nur 12% (gegenüber fast 40% im Jahr 1990).

2. Optimismus auf den Märkten für Halbleiter und Elektrofahrzeuge

Die Schnäppchenjagd kann sich für Anleger kurzfristig auszahlen, aber mit Blick auf die mittel- und längerfristigen Aussichten lohnt es sich, die Qualität zu bewerten. Der südkoreanische und der taiwanesische Aktienmarkt, die beide eine dominante Stellung in der IT-Branche (insbesondere bei den Halbleitern) innehaben, weisen auch starke Gewichtungen von Werkstoff- und Industriewerten auf, die derzeit zwischen 14 und 23% liegen.

Beide Märkte weisen führende, äußerst rentable Unternehmen mit großen Wettbewerbsvorsprüngen auf und haben ein robustes Ökosystem um sie herum aufgebaut. Beispielsweise kontrollieren taiwanesische Unternehmen etwa 11% der weltweiten Linienschiffsflotte. Angesichts der Tatsache, dass 80 bis 90% des Welthandels auf dem Seeweg abgewickelt werden, ist dies ein entscheidender Vorteil in Zeiten unterbrochener Lieferketten, insbesondere bei einer exportlastigen Wirtschaft.

Halbleiter: Es herrscht ein vorsichtiger Optimismus, dass wir uns der Talsohle des Chip-Zyklus nähern. Nach einer fast beispiellosen Chip-Knappheit in den Jahren 2020 und 2021 hat sich der Engpass in diesem Jahr in ein Überangebot verwandelt. Im Laufe des Sommers stiegen die Lagerbestände stark an, sodass einige führende Unternehmen ihre geplanten Investitionsausgaben für 2023 um bis zu 50% gekürzt haben. Gleichzeitig sind wir zuversichtlich, dass der Kapazitätsabbau von heute sich in Preiserhöhungen von morgen verwandeln kann – wie so oft in einer Branche, die für ihre ausgeprägte Zyklizität bekannt ist. Generell sind wir der Meinung, dass der Technologiesektor seinen Tiefpunkt bereits erreicht haben könnte, wenn der Halbleiter-Bestandszyklus um die Jahreswende seinen Höhepunkt erreicht.

Industrie/Werkstoffe: Da die Welt zunehmend auf Elektrofahrzeuge setzt, ist die Nachfrage nach Batterien im gleichen Maße gestiegen. McKinsey prognostiziert, dass der Markt für Batteriezellen bis 2030 im Durchschnitt um mehr als 20% pro Jahr wachsen wird.  Dies verheißt Gutes für Südkoreas petrochemische Schwergewichte, von denen eines Milliarden ausgibt, um den nachhaltigen Ausbau seiner Produktionslinien für Batteriematerialien zu beschleunigen. Dazu gehört auch der kürzlich angekündigte Plan, eine Produktionsstätte für Elektrofahrzeugkomponenten im Süden der USA (Tennessee) zu errichten.

3. Starke Fundamentaldaten

Schließlich stellen wir fest, dass sich sowohl Südkorea als auch Taiwan in einer vergleichsweise beneidenswerten Position befinden, wenn es um die makroökonomischen Fundamentaldaten geht. Als exportorientierte Länder profitieren sie tendenziell von schwächeren Währungen. Zwar begann die Stärke des US-Dollars in letzter Zeit plötzlich zu bröckeln, aber sowohl der südkoreanische Won (KRW) als auch der taiwanesische Dollar (TWD) sind immer noch deutlich billiger als zu Beginn des Jahres. Zu den negativen Auswirkungen einer schwachen Währung auf beiden Märkten gehört die Tatsache, dass Energieimporte teurer werden. Da die Preise von Energierohstoffen jedoch fast ein Fünftel ihrer Höchststände vom Juni eingebüßt haben, könnten die Haushalte etwas entlastet werden.

Mit einer Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 30% in Taiwan und knapp 50% in Südkorea sind beide Länder unserer Ansicht nach weiterhin gut positioniert, um einen globalen Wirtschaftsabschwung zu überstehen. Während die Verschuldung gestiegen ist, haben auch die Währungsreserven zugenommen, die sich in der Nähe eines Allzeithochs befinden.

Auf Jahresbasis liegt das Wachstum der südkoreanischen Wirtschaft immer noch bei knapp 3%, trotz eines schwachen dritten Quartals mit einem Wachstum von nahezu null. Auch wenn die Prognosen für ein Wachstum von 2% im nächsten Jahr im Kontext der Schwellenländer enttäuschend erscheinen mögen, glauben wir, dass Südkorea die meisten Industrieländer immer noch übertreffen dürfte. Das Pro-Kopf-BIP des Landes ist eher mit demjenigen der Industrieländer als mit dem der Entwicklungsländer vergleichbar.

Das Land kann auch von einer bemerkenswert hohen Produktivität profitieren, die seiner Innovationskraft im Bereich Agrartechnologie zugutekommt – ein wichtiger Punkt in Anbetracht der weiterhin bedrohten Ernährungssicherheit. Südkorea gehört zu den OECD-Ländern mit der höchsten staatlichen Förderung von Forschung und Entwicklung (F&E) im Bereich Agrarwissenschaften.

Auch die Blockchain-Initiativen der Regierung sind beeindruckend. Dazu gehören Pläne für Blockchain-gestützte Netzwerke zur Verbesserung der Transparenz von Lebensmittelversorgungsketten sowie ein weiterer Meilenstein: neue digitale IDs auf Blockchain-Basis, die in Smartphones integriert werden und bestehende Identitätsnachweise ersetzen sollen. Solche IDs könnten eine Effizienzrevolution für Unternehmen und Behörden bedeuten und im Hinblick auf das Fundament der digitalen Wirtschaft und den Aufbau des Metaverse in Südkorea von großem Nutzen sein.

Zusammenfassend sind wir der Meinung, dass trotz der erhöhten Risiken – einschließlich des geopolitischen Drucks – einer Allokation auf ein einzelnes Land eine Übergewichtung koreanischer und taiwanesischer Aktien für die Portfolios der Anleger von Vorteil sein könnte, da die Bewertungen unseres Erachtens moderat und als attraktiv einzustufen sind. Die Stellung Asiens als globaler Motor für das Wachstum der Mittelschicht dürfte auch weiterhin langfristige Chancen bieten, vor allem angesichts der unerlässlichen Umstellung der Welt auf grüne Energie und des technologischen Fortschritts.

Marcus Weyerer

*) Dina Ting ist Head of Global Index Portfolio Management und Marcus Weyerer, CFA, Senior ETF Investment Strategist von Franklin Templeton.

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