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Stunde der chinesischen Käufer? – Das Märchen vom Ausverkauf der Wirtschaft

Quelle: AdobeStock © ratpack223

In der zweiten Februarhälfte kam COVID-19 dann auch an den Börsen Europas und der USA an; die Indizes brachen auf breiter Front schnell und heftig ein. Zwar sorgten schnelle, in die Billionen USD gehenden Stützungsmaßnahmen dafür, dass sich die Kurse wieder relativ stabilisierten, aber in der Politik wuchsen die Sorgen um die heimischen Firmen. Man fürchtet nun, China werde in großem Stile angeschlagene oder auch einfach nur unterbewertete Firmen aufkaufen. Die Wettbewerbskommissarin der EU, Margrethe Vestager, warnte gegenüber der Financial Times vor einem „echten Risiko“ und brachte als mögliche Gegenmaßnahme sogar die Verstaatlichung von Unternehmen ins Spiel. Auch aus der
deutschen Politik sprangen viele auf diesen Zug auf. Wirtschaftsminister Altmaier bekräftigt, dass man einen Ausverkauf deutscher Unternehmen nicht zulasse. EU-Kommissionspräsidentin
Ursula von der Leyen ermahnte die nationalen Regierungen, Investitionen von außerhalb der EU sehr sorgfältig zu prüfen.

Die Unsicherheit im Markt ist groß – niemand wagt jetzt riskante Schnellschüsse.

Sun Yi Partnerin EY

 

Sinkende FDIs

Hintergrund der Sorgen sind dabei nicht nur die wirtschaftlichen Einbußen, die durch die Schutzmaßnahmen ausgelöst wurden, sondern auch die chinesische Strategie „Made in China
2025“. Sie soll China an die Spitze von zehn durch Peking definierten Schlüsselindustrien bzw. Wirtschaftsbereichen bringen, vom Schiffsbau über die Robotik bis zur Biomedizin. Bestandteil
der Strategie sind Übernahmen und Aufkäufe von westlichen Konkurrenten bzw. in den jeweiligen Industrien führenden Unternehmen. Insofern sind Befürchtungen in diese Richtung
nicht ganz von der Hand zu weisen – aber die Realität zeigt eher das Gegenteil: Seit 2017 sehen wir einen kontinuierlichen Rückgang der chinesischen Direktinvestitionen in Europa,
sowohl hinsichtlich der abgeschlossenen Deals insgesamt als auch der investierten Summen.

In Deutschland gingen die Investitionen von rund 12,5 Mrd. USD anno 2016 auf etwa 4,6 Mrd.
USD im vergangenen Jahr zurück; die Anzahl der Transaktionen fiel im selben Zeitraum von 68 auf 39. Die abnehmenden Direktinvestitionen sind übrigens eine weltweite Entwicklung. In China hingegen zeigt der Trend in die andere Richtung. Um 5,8% wuchsen die FDIs hier im vergangenen Jahr – rund 138 Mrd. USD wurden im Reich der Mitte investiert. Insofern zeigt sich auch Yi Sun, die als Partnerin den Bereich China Business Services der DACHRegion
bei EY leitet, unaufgeregt: „Wir erleben kein sonderlich gestiegenes Interesse von chinesischen Investoren. Im Gegenteil, fast die Hälfte aller Transaktionen ist derzeit auf Hold.
Viele wurden sogar komplett abgesagt. Die Unsicherheit im Markt ist groß. Da wagt niemand riskante Schnellschüsse.“

Strengere Rahmenordnungen

Ein gewisses gestiegenes Interesse macht Dr. Ernst Ludes, Geschäftsführer von CVCapital, zwar schon aus – insbesondere von chinesischen Finanzinvestoren, die europäische Aktien nun für günstig halten. Allerdings bedeutet dies noch lange nicht, dass sich dieses Interesse auch schnell umsetzen ließe, denn die regulatorischen Rahmenordnungen haben sich seit der für die deutsche Politik fast traumatisch zu nennenden Übernahme des Robotikunternehmens KUKA durch den chinesischen Mischkonzern Midea deutlich verschärft. Die Möglichkeiten der Bundesregierung, bei Investitionen in „systemrelevante“ Sektoren die Zustimmung zu verweigern, wurden deutlich erweitert. Im Rest der EU sieht es ähnlich aus. In den USA kontrolliert das Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) alle ausländischen Investments.

„CFIUShat auch enorme Auswirkungen auf Cross-Border-Transaktionen zwischen Europa und China“, konstatiert Dr. Ludes. „Die meisten großen Unternehmen haben Produktionsstandorte in den USA, und damit sind sie von CFIUS betroffen. Nicht wenige Transaktionen scheiterten am Ende daran.“ Die von Ex-Präsident Barack Obama verhinderte Übernahme von AIXTRON durch Fujian Grand Chip ist das prominenteste Beispiel, aber viele mögliche Transaktionen werden aufgrund des drohenden Einspruchs des CFIUS bereits in einem viel früheren Stadium und von der Öffentlichkeit unbemerkt aufgegeben.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass auch die chinesischen Investoren selbst intensiven staatlichen Regularien unterliegen.

Auslandsinvestitionen
sind genehmigungspflichtig und bedürfen einer langen Prüfung durch die entsprechenden staatlichen Institutionen. Gerade die Schieflage des Megakonglomerats HNA, das über Jahre
hinweg mehr oder weniger wahllos Unternehmensbeteiligungen wie z.B.einen 3,5%-Anteil an der Deutschen Bank angesammelt hat und nun massive Staatshilfen in Anspruch nehmen
muss, sorgt dafür, dass die Kontrolleure jetzt ganz besonders genau hinschauen. „Allein der ODI-Prozess [Overseas Direct Investment, Anm. d. Red.] dauert etwa drei bis sechs
Monate, chinesische Investoren können also die benötigte Liquidität gar nicht so schnell bereitstellen, wenn sie nicht bereits Dollar in beispielsweise Hongkong liegen haben“, so Dr.
Ludes.

Nicht wenige Transaktionen scheitern am CFIUS.

Dr. Ernst Ludes Managing Director CVCapital

 

Post M&A-Restructuring: Herausforderung für chinesische Investitionen

Symbolbild. Gavel und Geld.
Quelle: Adobe Stock © thodonal

Chinesische Investitionen in deutsche Unternehmen erfolgen für gewöhnlich durch den Erwerb von Geschäftsanteilen/Aktien und/oder Finanzierungen durch Ausreichung von Darlehen. Gerät die Zielgesellschaft in die Krise, gefährdet dies den Wert der Beteiligung und der Darlehensrückzahlungsansprüche, denn die Gesellschafterdarlehen sind typischerweise nachrangig. Neben dem Verlust des Investments können sich auch noch Haftungsfolgen für den chinesischen Investor sowie den chinesischen Geschäftsführer ergeben.

Verlust des Investments

Das deutsche Insolvenzrecht kennt als oberste Maxime die bestmögliche Gläubigerbefriedigung. Wenn einmal das Insolvenzverfahren eingeleitet worden ist, richtet sich die Entscheidung, ob das Unternehmen liquidiert oder fortgeführt wird oder die Assets des Unternehmens als Going Concern verkauft werden können, danach, welcher Weg für die bestmögliche Gläubigerbefriedigung der vorzugswürdige ist. In dieser Hinsicht sind besonders Situationen gefährlich, in denen der chinesische Investor Gesellschaftsanteile erwirbt und zugleich Gesellschafterdarlehen ausreicht. Im Insolvenzverfahren der deutschen Zielgesellschaft sind Gesellschafterdarlehen nachrangig: Sie werden erst bedient, wenn alle gesicherten und einfachen Insolvenzgläubiger vollständig befriedigt wurden.

Insolvenzanfechtungen von Rückzahlungen von Gesellschafterdarlehen

Darüber hinaus sind auch Zahlungen, die ein Gesellschafter aufgrund eines Gesellschafterdarlehens im Zeitraum von einem Jahr vor der Stellung des Insolvenzantrags erhalten hat, durch den Insolvenzverwalter anfechtbar und müssen in die Insolvenzmasse zurückgeführt werden. Noch weiter zurück reicht die Insolvenzanfechtung von Sicherheiten, die ein Gesellschafter für ein Gesellschafterdarlehen erhalten hat – hier beträgt die Anfechtungsfrist sogar zehn Jahre. Die konkrete Ausgestaltung des Ausreichens von Gesellschafterdarlehen sowie deren Rückzahlungen kann entscheidend sein, um die Haftungsfolgen zu minimieren. So kann es z.B. besser sein, wenn der Gesellschafter erst auf die Sicherheit verzichtet, bevor ein Darlehen zurückgezahlt wird.

Ein Gesellschafter muss auch stets zahlen, wenn er einem Dritten für dessen Darlehen eine Sicherheit gestellt hat – sei es durch Mithaftung, Bürgschaft, Sicherungsübereignung oder andere Personal- oder Realsicherheiten. Diese Haftung des Gesellschafters gilt im Ergebnis unabhängig davon, ob die Gesellschaft den Dritten im Zeitraum von einem Jahr vor dem Insolvenzantrag befriedigt hat oder ob die Gesellschaft dazu nicht mehr in der Lage war.

Vorsicht ist auch bei der Ausreichung von Darlehen und Sicherheiten durch konzernverbundene Unternehmen geboten, die nicht selbst direkt Gesellschafter sind, denn nicht nur der Gesellschafter selbst ist von den erwähnten Regelungen betroffen, sondern auch mit ihm horizontal oder vertikal verbundene Unternehmen.

Schuld bei der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung

Ebenso birgt das ungeprüfte Ausreichen von (weiteren) Darlehen durch den chinesischen Investor in der Krise des deutschen Zielunternehmens nicht unerhebliche Risiken. Ein Darlehensgeber kann sich unter Umständen der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung schuldig machen, wenn die Gesellschaft im Zeitpunkt der Darlehensvergabe insolvenzreif war, der Darlehensnehmer dies wusste oder sich leichtfertig der entsprechenden Erkenntnis verschloss und so das Hinausschieben des gebotenen Insolvenzantrags bewirkt oder geduldet wird. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich für den chinesischen Investor, umfassende Informationen einzuholen und sorgfältige Dokumentationen anzufertigen, damit im späteren Streitfall die finanzielle Situation des Zielunternehmens sowie die Intentionen des chinesischen Gesellschafters nachvollziehbar und belegbar sind.

Haftung des Gesellschafters aus Patronatserklärungen

Einen Durchgriff auf das Vermögen des chinesischen Gesellschafters sieht das deutsche Recht bei Kapitalgesellschaften per se nicht vor. Eine Haftung des chinesischen Investors für Verbindlichkeiten des deutschen Zielunternehmens kann aber aus vertraglichen Regelungen resultieren, insbesondere aus Unternehmensverträgen und Patronatserklärungen. Gerade Letztere werden oftmals unüberlegt und weder in zeitlicher noch betragsmäßiger Begrenzung ausgereicht. Häufig werden sie auch „vergessen“ und nicht beseitigt, wenn die Gesellschaft sie eigentlich nicht mehr benötigt. Im Insolvenzfall sind sie für den chinesischen Investor besonders riskant, zumal eine Kündigung erstens zulässig sein muss und zweitens nur für die Zukunft Wirkung hat. Zu empfehlen ist daher, Patronatserklärungen z.B. nur für die Geltung jeweils eines Jahres und idealerweise der Höhe nach begrenzt auszureichen, damit stets neu und bewusst entschieden werden kann, ob und in welchem Umfang die deutsche Zielgesellschaft finanziell gestützt werden soll.

Herausforderungen für chinesische Geschäftsführer

Zusätzliche Risiken bestehen dann, wenn auch die Geschäftsführung durch den chinesischen Investor besetzt wird. Nach dem deutschen Insolvenzrecht obliegt der Geschäftsführung durchgängig die Pflicht zur Überprüfung einer etwaigen Insolvenzantragspflicht. In der Krise und späteren Insolvenz kann dabei häufig eine Art Generalverdacht bestehen, dass die Geschäftsführung nur oberflächlich und fehlerhaft durchgeführt worden ist, wenn der Geschäftsführer seinen Sitz im Ausland hat und typischerweise nicht immer vor Ort am Sitz der Gesellschaft tätig ist. Es können sich persönliche Haftungsrisiken ergeben, insbesondere wegen Insolvenzverschleppung, Zahlungen ab Eintritt der Insolvenzreife, Nichtabführen von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern sowie Eingehungsbetrugs, wenn klar ist, dass das Unternehmen einen Vertrag durchzuführen nicht mehr imstande sein wird. Eine Inanspruchnahme von – auch ausländischen – Geschäftsführern scheuen die Insolvenzverwalter nicht. D&O-Versicherungen bieten hierbei ebenfalls keinen umfassenden Schutz.

Dabei trifft die persönliche Pflicht zur Insolvenzantragsstellung (so denn eine solche zu bejahen ist) jeden einzelnen Geschäftsführer oder Vorstand, unabhängig von statutarischen Vertretungsregelungen, internen Geschäftsverteilungsplänen oder Ressortverantwortlichkeiten. Nötigenfalls muss der einzelne Geschäftsführer oder Vorstand den Insolvenzantrag allein stellen; weder ist eine Zustimmung des Gesellschafters dabei erforderlich noch befreit eine Gesellschafterweisung vom Befolgen der Antragspflicht.

Gerade einem chinesischen Geschäftsführer, der vielleicht nicht dauerhaft vor Ort ist, fällt die Überwachung der Insolvenzantragspflichten aber oftmals schwer. Zum Teil liegt die Schwierigkeit an mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Finanzlage der Zielgesellschaft – schließlich überlässt der chinesische Investor häufig der deutschen Geschäftsführung einen wesentlichen Teil des täglichen Managements nach der Transaktion. Zudem sind einem chinesischen Geschäftsführer solche Überwachungspflichten zur Vermeidung der Insolvenz häufig auch unbekannt. Ihnen fehlt darüber hinaus meistens auch die entsprechende Erfahrung, wie ein entsprechender Insolvenztest technisch umzusetzen ist. Die aus der Pflichtverletzung resultierende Haftung kennen sie regelmäßig nicht.

Konsumverhalten in China nach der ersten Corona-Welle

Konsumverhalten in China
Quelle: Adobe Stock; © marchsirawit

Wie der COVID-19-Ausbruch sich auf das Konsumverhalten bzw. die Konsumpläne der Verbraucher in China (sowie in Indien und Indonesien) auswirken könnte, hat McKinsey in einer aktuellen Umfrage untersucht. Verbrauchervertrauen in ChinaDie in China Befragten gaben dabei an, ihre Pläne bei Einkäufen für teurere Dinge wie Schmuck, Autos, den Bau oder die Renovierung von Häusern auf unbestimmte Zeit zu verschieben bzw. eher aufzugeben als jene für kleinere Anschaffungen. 50% der chinesischen Befragten, die vor dem Ausbruch vorhatten, Autos zu kaufen, wollen auf diese Käufe 2020 verzichten. 59% sagten das Gleiche in Bezug auf geplante Schmuckkäufe. Zum Vergleich: Nur 13% der Befragten sagten, dass sie Pläne zum Kauf von Hautpflegeprodukten verzögern oder stornieren. Etwa jeder Dritte gab an, weniger als ursprünglich geplant auszugeben.

Chinesisches Preisniveau (Verbraucher und Hersteller)Die Befragten unterscheiden jedoch zwischen Preis und Wert. Bei Befragten, die planen, kleine Haushaltsgeräte zu kaufen, stieg der Anteil, der „Mehrzweck“ als eines der drei wichtigsten Attribute für die Kaufentscheidung anführt, um 10% – dieser Anteil ist viermal so hoch wie der, bei dem niedrige Preise eine wichtige Rolle spielten. Die Ergebnisse legen auch den Schluss nahe, dass bestimmte Verbrauchergruppen bei Lockerung von Sperren und Beschränkungen ihre Ausgaben wieder erhöhen. Gleichzeitig werden aber auch Unbehagen und Schuldgefühle als Gründe für die geringere Kaufneigung genannt. So führte beispielsweise ein Drittel der Handykäufer in China dies als Grund für sein geändertes Konsumverhalten an.

www.mckinsey.com

Mittelstand „Made in China“

Mittelstand und KMU
Quelle: Adobe Stock; © xtock

Was haben Bratwurst, Kindergarten und Mittelstand gemeinsam? Alle drei sind sogenannte Lehnwörter: also typisch deutsche Exportschlager, die längst Eingang in andere Sprachen und Kulturen gefunden haben. China macht da keine Ausnahme. Nicht die großen Staatskonzerne sind die Treiber des wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen Jahrzehnte, sondern die vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die sich seit Beginn der Reformpolitik im Jahr 1978 gegründet haben. Heute zählt die Volksrepublik China schätzungsweise 38 Mio. Mittelständler, die für mehr als 60% des BIP, 75% der technologischen Innovation und 80% der Beschäftigten stehen.

Zahlen, die wir so ähnlich auch aus Deutschland kennen – und die dazu führen, dass sich eine zunehmende Menge wissenschaftlicher Arbeiten mit Chinas Unternehmerschar beschäftigt. Wie kurbeln sie Innovation und Wachstum an und wie unterscheiden sie sich dabei von ihren westlichen Pendants? Anders als in der deutschen Praxis, in welcher sich zunehmend ein System der wechselseitigen Kontrolle durch Funktionsteilung und Aufsichtsgremien etabliert hat, wird das typische chinesische Unternehmen durch den „Lǎo Bǎn“ geführt. Übersetzen lässt sich dieser Begriff mit „alter Boss“ und er bezeichnet in aller Regel den Eigentümer und Geschäftsführer eines Unternehmens.

Mehr Gemeinsamkeiten als gedacht

Betonen anekdotische Fallstudien oder Ratgeber gerne kulturelle Besonderheiten, kommt ein kürzlich vom China Center der namhaften spanischen IE-Universität durchgeführter Vergleich zum Ergebnis, dass deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bestehen: So zeigte die umfragebasierte Studie auffallende Ähnlichkeiten in Bezug auf Alter, bisherige Erfahrungen und Führungsstile. Selbst die Burnoutraten waren vergleichbar. Eine mögliche Erklärung dafür liefert der mit Globalisierung und Auslandserfahrungen einhergehende interkulturelle Austausch.

Auffälligster Unterschied war der deutlich höhere Anteil von Unternehmerinnen in China. Das bestätigt andere Untersuchungen und korreliert mit dem im weltweiten Vergleich insgesamt extrem hohen Frauenanteil an der Erwerbsbevölkerung. Auch die bis 2015 gültige Ein-Kind-Politik spielt eine Rolle. Unabhängig davon, ob es sich bei dem Kind um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, investieren chinesische Eltern in der Regel ihre gesamten Ressourcen in dessen erfolgreiche Karriere. Mit Erfolg: Von rund 70 Self-Made-Milliardärinnen weltweit stammt fast die Hälfte aus China.

Die Daten der IE-Studie zeigen zudem, dass chinesische Unternehmer im Durchschnitt weniger schlafen als ihre europäischen Kollegen – nicht viel weniger, aber die Differenz ist statistisch signifikant. Und das trotz 4,2 Tassen Kaffee, den deutsche Mittelständler pro Arbeitstag konsumieren. Der konfuzianische Arbeitsethos wirkt anscheinend stärker als die regelmäßige Koffeinzufuhr. In vielen chinesischen Unternehmen ist „996“ gelebte Praxis: So gilt u.a. Alibaba-Gründer Jack Ma als Befürworter dieser Arbeitskultur, in der die Mitarbeiter an sechs Tagen in der Woche von 9:00 bis 21:00 Uhr im Büro sein sollen.

Verhältnis von Unternehmern/unternehmerischer Aktivität zwischen Männern und Frauen in China und DeutschlandUnternehmertum als evolutionärer Prozess

Neben solchen statistisch messbaren Unterschieden existieren aber auch tieferliegende Eigenheiten. Die Ausprägung von Unternehmertum ist ein pfadabhängiger, evolutionärer Prozess, der von historischen Gegebenheiten abhängt. So ist das Bild vom Mittelstand in Deutschland geprägt durch das Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre. Attribute wie Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Tatkraft und Erfindergeist waren im damaligen Umfeld unabdingbar für unternehmerischen Erfolg. Hart arbeitende, detailversessene Tüftler, meist regional verwurzelt im ländlichen Raum, schufen die Basis für viele der heutigen Weltmarktführer.

Ganz anders in China: Dort werden nicht so sehr technische Ingenieurskünste als zuallererst praktische Fertigkeiten gefordert. Unternehmer müssen in der Lage sein, flexibel zu reagieren und schnell Entscheidungen zu treffen. Auch hierfür gibt es historische Realitäten: China hat seit dem Zweiten Weltkrieg mehrere große Wellen erdbebenartiger Veränderungen erlebt – die Einführung der Planwirtschaft in den 1950er-Jahren, die Kulturrevolution anno 1966 sowie die anhaltenden Reformen seit 1978. Die Perioden haben die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung gravierend verändert, mit negativen und positiven Folgen. Sie haben allerdings auch die gesamte Gesellschaft dynamisiert.

Die Reformen waren dabei von Anfang an graduell; es gab weder Blaupause noch Zeitplan. Vielfach wurde das experimentelle, innovative Vorgehen verglichen mit der schrittweisen Durchquerung eines breiten Flusses. Es bestand das Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, aber kein Gesamtkonzept, innerhalb dessen eine solche zu erreichen gewesen wäre. Vieles davon lässt sich auf das Verhalten chinesischer Unternehmer übertragen. Es geht darum, mehrere Projekte gleichzeitig zu verfolgen und Gelegenheiten schnell zu ergreifen. Oft herrscht dabei eine Ethik des Gewinnens bzw. des Siegers, d.h., der clever agierende Geschäftsmann kann sich zum Erreichen des Erfolgs sehr weitreichender Mittel bedienen. Der Verlierer war eben nicht geschickt oder klug genug, das Risiko zu erkennen.

Digitale Plattformen für Chinas industrielle Zukunft

Digitale Plattformen für Chinas Industrie
Quelle: Adobe Stock; © DIgilife

Die Beratungsfirma Gartner schätzte die Ausgaben im Bereich IT-Technologien und digitale Plattformen in China bereits für das Jahr 2018 auf 337 Mrd. EUR; der Anteil von Software und Rechenzentrumsanlagen belief sich dabei auf 32 Mrd. EUR.
Laut Marktbeobachtern wird sich bis 2025 ein Drittel – 4,1 Mrd. – der weltweiten industriellen Internet-of-Things-Verbindungen (IoT) in China befinden. So engagieren sich auch deutsche Unternehmen wie Siemens, SAP und Bosch bei chinesischen digitalen Industrieplattformen. Die weltweit erste Open-Source-Technologieplattform für autonome Fahrzeuge, Apollo von Baidu, verfügt bereits über 130 Firmenpartner, darunter große deutsche Autobauer.

Chinas digitale IndustrieplattformenZunehmend genutzt wird z.B. auch eine von Elektronikhersteller Haier und Alibaba in China entwickelte digitale Plattformen für Industrieanwendungen. COSMOPlat von Haier gehört zu den erfolgreichsten Plattformen des Privatsektors, die zwölf Branchen nutzen – von Textilien über Elektronik bis hin zu Keramik – und bedient nach eigener Aussage 35.000 Unternehmen mit 320 Mio. Endnutzern. Für die Optimierung der industriellen Fertigung und den Aufbau einer Industrie 4.0 sind dabei Daten zum Konsumentenverhalten von zentraler Bedeutung. Chinesische ITK-Unternehmen wie Alibaba, Tencent, Huawei und Baidu haben hier mit der Möglichkeit, auf einen riesigen Pool von Internetnutzerdaten zurückzugreifen, einen immensen Vorteil.

Ziele für die Entwicklung von digitalen PlattformenIm Juni 2019 hat die Volksrepublik darüber hinaus die „Konvergenzplattform Industrielles Internet für zentral verwaltete staatseigene Unternehmen“ ins Leben gerufen. Ihr gehören 289 staatseigene Betriebe an, darunter Großunternehmen wie die China State Shipbuilding Corporation, der Stahlhersteller Baosteel (der seit 2015 mit Siemens kooperiert) und Petrochemical Yingke aus der Sinopec-Gruppe. Die offizielle Formulierung der meisten der 324 chinesischen Standards für das industrielle Internet steht allerdings noch aus.

(www.merics.org)

 

Duisburg: Innovationsbrücke nach China

Container aus China in Duisburg
Foto: Yang Lu

Bereits 1982 hatten Duisburg und Wuhan die erste chinesisch-deutsche Städtepartnerschaft geschlossen. Selbst in der Corona-Krise unterlag die Partnerschaft keinem „Lockdown“. Duisburg führte als erste deutsche Stadt eine Spendenaktion für Wuhan durch und schon kurz nach Beendigung des dortigen Ausnahmezustands kommen seit dem 14. April Züge aus der einstigen Krisenregion wieder in Duisburg an, u.a. mit medizinischen Hilfsgütern. Zunächst war es zu einem deutlichen Rückgang in der Sektion Güterverkehr aus Asien, insbesondere China gekommen. Mittlerweile normalisiert sich die Lage mehr und mehr; es verkehren wieder rund 40 Züge wöchentlich zwischen Duisburg und verschiedenen Städten Chinas. Sie transportieren Güter doppelt so schnell wie auf dem Seeweg, aber nur halb so teuer wie Luftfracht. Diese Verbindung, der weltgrößte Binnenhafen und das große Einzugsgebiet von Duisburg im Herzen Europas wecken das Interesse chinesischer Unternehmen.

Container aus China werden in Duisburg auf ein Frachtschiff verladen.
Duisburger Innenhafen: Containerumschlag 2019 von ca. 4,0 Mio. TEU; Foto: Yang Lu

Duisburg-China nach Fahrplan

Diese Punkte führten auch dazu, dass sich die China Railway Container Transport Corp. Ltd. (CRCT) in Duisburg ansiedelte. Dabei waren verschiedene Institutionen behilflich, vor allem die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Duisburg (GFW Duisburg). Deren Geschäftsführer, Ralf Meurer, erläutert: „Mit der Ansiedlung dieses Schlüsselunternehmens hat Duisburg gute Karten, weitere chinesische Zulieferer und Kunden an den Standort zu binden. Inzwischen haben sich etwa 100 chinesische Unternehmen, Verbände und Institutionen in Duisburg angesiedelt.“ Die chinesischen Ansiedlungen in Duisburg findet aktuell in den unterschiedlichsten Branchen statt; besonders beliebte Themen sind E-Commerce, Logistik oder der Bereich Digitalisierung.

Frau Kai Yu, die zuständige Mitarbeiterin der GFW Duisburg für China seit 2017, hat mittlerweile rund 40 chinesische Unternehmen erfolgreich angesiedelt. Sie war es auch, die CRCT von Anfang an begleitet hat. „Wir nehmen den Kontakt zu den Unternehmen auf und geben ihnen die notwendige Unterstützung bei der Ansiedlung, besonders bei der Immobilienvermittlung oder bei ausländerrechtlichen Angelegenheiten und relevanten Behördengängen“, schildert sie ihre Aufgaben. „Und wir bleiben der Ansprechpartner für alle weiteren Fragen. Im Fall von CRCT konnten wir die Büros im Volksbank-Gebäude vermitteln. So haben wir ein fünftes chinesisches Unternehmen am Standort Innenhafen.“

Bereits 2015 war hier das erste chinesische Unternehmen angesiedelt worden: NGC, ein Global Player für Getriebe- und Antriebstechnik. Es bleibt die bisher größte chinesische Direktinvestition in Duisburg. Mit dem Plateno 7 Days Premium Hotel befindet sich im Innenhafen noch ein weiteres großes chinesisches Immobilienprojekt. Zukünftige chinesische Investoren finden denn auch die Unterstützung der Wirtschaftsförderung bei deren Grundstücks- und Immobilienmesse Duisburg (GIMDU) mit einem eigenen chinesischsprachigen Programmteil.

Container Richtung China werden in Duisburg auf Güterzüge verladen.
Knotenpukt Duisburg: Vom Duisport verkehren mittlerweile teils bis zu 50 Züge pro Woche nach China; Foto: Yang Lu

China Business Network Duisburg

Ebenfalls im Innenhafen erfolgte im Jahr 2016 die Gründungsversammlung des China Business Network Duisburg (CBND). Gegründet wurde damals in den Räumlichkeiten der Kanzlei PKF Fasselt Schlage, eines der Hauptinitiatoren des Vereins. „CBND hat die Aufgabe, die Chinaaktivitäten der Stadt Duisburg strategisch und nachhaltig zu entwickeln und eine Brückenfunktion für Unternehmer aus China zu bieten“, erklärt Johannes Pflug, Mitbegründer und Vorsitzender des CBND. „Unsere Aufgabe ist, chinesische Unternehmen passgenaue Dienstleistungen für deren Bedürfnisse in Duisburg anzubieten“, führt er aus. Wer die maßgeblichen Chinaakteure in Duisburg treffen will, findet sie beim CBND gebündelt. Neben Repräsentanten der Stadt Duisburg sind die Wirtschaftsförderung Duisburg, die Stadtwerke Duisburg, die Niederrheinische IHK Duisburg-Wesel-Kleve, das Konfuzius-Institut Metropole Ruhr genauso vertreten wie auch lokale Unternehmen – z.B. die Sparkasse Duisburg und die Volksbank Rhein-Ruhr. Als Geschäftsführerin des CBND agiert ebenfalls Frau Kai Yu von der Wirtschaftsförderung Duisburg.

Duisburg und China planen für die Zukunft

Wer neben organisatorischer Unterstützung auch finanzielle Förderungen sucht, wird in Duisburg ebenfalls fündig. So gibt es beispielsweise ein Welcome Package NRW für Nicht-EU-Unternehmen in Höhe von 3.000 EUR. Möglich sind auch Investitionszuschüsse bis zu 20% – in Abhängigkeit von Investitionssumme, neuen Arbeitsplätzen und Unternehmensgegenstand. Wer sich einen Überblick über die Unterstützungen von staatlicher Seite verschaffen will, kann sich auch an Wirtschaftsdezernent Andree Haack wenden. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität und wichtigen Chinaakteuren entwickelt er aktuell eine Chinastrategie für Duisburg.

Teil derselben könnte das Projekt Smart City sein. Seit drei Jahren kooperieren hier die Stadt Duisburg, die Stadtwerke Duisburg, Vertreter der Universität Duisburg-Essen und Huawei für ein klares Ziel: Man will in Duisburg die Digitalisierung möglichst vielzähliger Dienstleistungen voranbringen. Oberbürgermeister Sören Link hebt dabei die Rolle von Huawei hervor: „Huawei hat sich als verlässlicher und effektiver Partner erwiesen.“ Es bestehe aber keine einseitige Abhängigkeit von dem Telekommunikationsausrüster. Die neue Telefonanlage für das Duisburger Rathaus liefere beispielsweise ein anderer Anbieter, ergänzt Duisburger Stadtdirektor und Projektleiter Martin Murrack. Das Interesse und die Offenheit für China werden auf andere Weise gepflegt: So ging es im Herbst 2019 in der offiziellen Delegation des Oberbürgermeisters für Vertreter von Stadt, Wirtschaft und Wissenschaft bereits zum fünften Mal nach China.

Unterstützung von Gründungen wird groß geschrieben

Auch wurde vor nunmehr drei Jahren unter dem Namen ESCID ein eigenes Existenzgründungsprogramm für chinesische Gründungsinteressierte ins Leben gerufen; immerhin sind an der Universität Duisburg-Essen etwa 2.200 Studenten aus China eingeschrieben. Impulse einholen und Kontakte knüpfen können Gründer aber auch auf anderen Veranstaltungen.

Duisburger Drachenbootregatta:Das Boot mit dem Duisburger Oberbürgermeister Sören Link (vorne) im Duell mit dem des chinesischen Generalkonsuls Haiyang Feng; © Hudong Xu

Zum Beispiel dem Business and Investors Forum China von Landesregierung und Wirtschaftsförderung NRW. Dieses findet mit einem anschließenden großen Chinafest im jährlichen Wechsel in einer der drei großen Niederrheinstädte Köln, Düsseldorf und Duisburg statt. Zu wichtigen steuerlichen und rechtlichen Aspekten kann man sich in chinesischer Sprache auf der regelmäßig stattfindenden Veranstaltungsreihe „PKF China Talk“ informieren. Eine ganz besondere Möglichkeit zum Austausch bietet überdies das jährliche Chinesische Frühlingsfest in Duisburg. Bei der traditionellen Drachenbootregatta im Duisburger Innenhafen sieht man die chinesischen Investoren mittlerweile mit einem eigenen Boot vertreten – angeführt vom chinesischen Generalkonsul. All diese Initiativen zeigen: Duisburg entwickelt sich immer mehr zur Chinastadt Deutschlands.


 

Zur Person

Porträt Johannes PflugJohannes Pflug ist Chinabeauftragter der Stadt Duisburg, Mitbegründer sowie Vorsitzender des China Business Network Duisburg (CBND), Vorsitzender des Kuratoriums der Ostasienwissenschaften beim Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen, Ehrenmitglied im Konfuzius-Institut sowie stellvertretender Vorsitzender in zwei bundesweit tätigen deutsch-chinesischen Dachorganisationen.
Er agierte 15 Jahre als Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag.

Hella veräußert Relaisgeschäft an Hongfa

Hella verkauft Relaisgeschäft an Hongfa

Der Licht- und Elektronikspezialist Hella GmbH & Co. KGaA richtet sein Elektronikgeschäft noch stärker entlang der großen Markttrends Elektromobilität und autonomes Fahren aus. Vor dem Hintergrund wurde das bestehende Relaisgeschäft Ende letzten Jahres an den Elektronikhersteller Hongfa Ltd. veräußert. Dieser erhält ein umsatzstarkes Geschäft, denn die Lippstädter hatten im zurückliegenden Geschäftsjahr (Ende: 31. Mai) im Relaisbereich einen Umsatz in Höhe von 43 Mio. EUR erzielt.

Share- und Asset Deal in einer Transaktion

Die Transaktion umfasste zwei Unternehmen, berichtet Johannes Müller, bei Hella für M&A und strategische Partnerschaften zuständig. Die Hella (Xiamen) Automotive Electronics Co. Ltd., in einer Freihandelszone in Xiamen angesiedelt, wurde komplett veräußert. Dieses Unternehmen hatte Hella 2003 zusammen mit Hongfa als Joint Venture gegründet; 2009 hatte Hella dann die Anteile des Partners übernommen. Die Hella (Xiamen) Electronic Device Co. Ltd., ebenfalls in Xiamen ansässig, verfügt über ein breiteres Produktspektrum, besaß aber auch Relais im Portfolio. Dieser Bereich des 2011 allein von Hella gegründeten Unternehmens wurde nun ausgegliedert. „Wir haben also einen Share Deal und einen Asset Deal im Rahmen einer Transaktion umgesetzt“, beschreibt Müller.

Strategisch ist die Transaktion klar definiert: „Wir wollen uns zukünftig noch stärker auf die zentralen Zukunftsthemen der Automobilbranche konzentrieren“, sagt Dr. Rolf Breidenbach, Vorsitzender der Hella-Geschäftsführung. „Für uns sind das vor allem die Themen Elektromobilität und autonomes Fahren. Daher freuen wir uns, mit Hongfa einen erfahrenen Partner gefunden zu haben, der unser Relaisgeschäft erfolgreich weiterentwickeln wird.“ Laut Guo Manjin, Vorsitzender des Hongfa-Konzerns, könne man mit der Übernahme des Relaisgeschäfts von Hella die Marktposition als einer der weltweit führenden Relaishersteller weiter ausbauen. Anzunehmen ist, dass sich Hongfa durch die Transaktion im sehr kompetitiven Relais-Markt die Anteile eines Wettbewerbers sichern wollte.

Maßnahmenpaket vom ersten Tag an

Das Closing der Transaktion – mit einem Preis von rund 10 Mio. EUR – ist Ende letzen Jahres erfolgt. Den gesamten Prozess bezeichnet Müller als „durchaus anspruchsvoll“; insgesamt sei die Transaktion aber ohne Überraschungen verlaufen. Zwei behördliche Genehmigungen mussten eingeholt werden, einmal von der zuständigen Behörde des Wirtschaftsministeriums, eine weitere von der lokalen Regierung. „Sowohl Hongfa als auch wir haben uns von lokalen Kanzleien in diesem Genehmigungsprozess beraten lassen – das war eine gute Entscheidung“, befindet Müller. Denn die ansässigen Juristen haben die entsprechenden Anträge zielführend vorbereitet; „das alles hat nicht länger gedauert oder mehr Bürokratie gebracht als eine Transaktion hierzulande“, so Müller. Sein Tipp: Am besten auch lokale Berater ins Boot holen. Diese kennen die behördlichen Gegebenheiten vor Ort kennen und können sie einschätzen.

Im Zuge des Deals sind etwa 280 Mitarbeiter zu Hongfa gewechselt. „Ein möglichst reibungsloser Übergang stand bei uns vom ersten Verhandlungstag an ganz oben auf der Prioritätenliste“, berichtet Müller – denn das Risiko negativer Reaktionen der Belegschaft hätten den Deal ernsthaft bedrohen können.

Zwei angesehene Arbeitgeber

Als angesehener, global agierender, börsennotierter Familienkonzern genieße Hella in China einen guten Ruf als Arbeitgeber. Dort beschäftigt das Unternehmen etwa 6.000 Mitarbeitende. Daher wollte man das erfolgreiche Employer Branding auf keinen Fall durch negative News gefährden, weshalb ein Paket an Maßnahmen vom ersten Tag an umgesetzt worden sei. „Wir haben sehr offen und umfangreich mit den Arbeitnehmervertretern kommuniziert und dabei auch gleich Hongfa-Vertreter eingeladen“, beschreibt Müller die erste Maßnahme.
Auch Hongfa, ebenfalls börsennotiert und als Zulieferer zahlreicher OEMs in unterschiedlichen Branchen entsprechend zertifiziert, gilt in der Region als angesehener Arbeitgeber. In den Verhandlungen wurde selektiv Incentives vereinbart. Zugleich wurde sichergestellt, dass die bestehenden Beschäftigungskonditionen mittelfristig erhalten bleiben.

Der Deal ist vor der Corona-Pandemie verhandelt worden, und Müller denkt, dass auch zukünftig der persönliche Kontakt vor Ort von großer Bedeutung sein wird. „Gegenseitiges Vertrauen sowie ein gemeinsames Level der Offenheit sind wesentliche Erfolgsfaktoren“, bemerkt Müller. Denn seiner Erfahrung nach sei die Zurückhaltung in China selbst gegenüber den eigenen Beratern einigermaßen ausgeprägt: „Die Vertreter von Hongfa wollten viele Details selber in Augenschein nehmen, anstatt sich auf die Einschätzungen ihrer Berater zu verlassen“, hat er festgestellt.
Man müsse bereit sein, das jeweilige Tempo der chinesischen Partner mitzugehen und auch nach einem langen Verhandlungstag den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen: „Das gehört in China einfach dazu und ist auch wichtig, um eine gemeinsame Vertrauensbasis zu etablieren.“

Fazit

Das Relaisgeschäft wurde insgesamt reibungslos verkauft – nicht zuletzt, weil Hella zu Hongfa bereits seit Jahrzehnten einen engen und auch vertrauensvollen Kontakt hatte etablieren können. Dennoch mussten die Hella-Vertreter während der Verhandlungen darauf achten, dass der deutlich kleinere Verhandlungspartner immer das Gefühl hatte, auf Augenhöhe zu sein. Denn das, so Müller, sei für einen erfolgreichen Abschluss der Transaktion von großer Bedeutung.

 


Kurzprofil

Hella GmbH & Co. KGaA

Gründungsjahr: 1899
Branche: Automotive
Unternehmenssitz: Lippstadt
Mitarbeiterzahl: 39.000
Umsatz 2018/19: 7 Mrd. EUR
www.hella.com

Hongfa Ltd.

Gründungsjahr: 1984
Branche: Automotive / Electronics
Unternehmenssitz: Xiamen
Mitarbeiterzahl: 14.000
Umsatz 2019: 1,2 Mrd. EUR
www.hongfa.com

Chinas Automobilsektor geht neue Kooperationen ein

Quelle: Adobe Stock; © Think b

Seit der Corona-Krise bevorzugen viele Chinesen ein eigenes Auto wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr bei einer Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Daneben gilt insbesondere auch der Ausbau von Elektrobus- und Elektrotaxiflotten im öffentlichen Bereich als wichtiger Treiber der Markterholung in Chinas Automobilsektor. Die aktuellen Zahlen bestätigen diesen Aufwärtstrend. Nachdem der Kfz-Absatz (ohne Elektroautos) in China im ersten Quartal 2020 um mehr als 40% eingebrochen war, wird bereits seit April wieder ein Wachstum verzeichnet.

Chinas Automobilsektor – Autoverkäufe

Zu den speziellen Hilfsmaßnahmen für die angeschlagene Automobilindustrie in China zählen die Erhöhung der Pkw-Neuzulassungen in bestimmten Städten (z.B. in Shanghai, Hangzhou und Shenzhen) ebenso wie die Verlängerung der Subventionen für Fahrzeuge mit alternativem Antrieb (NEV) bis 2022 oder der Erlass der zehnprozentigen Kaufsteuer.

Deutsche Automobilhersteller und -zulieferer in China

Für die deutschen Autobauer stellt China den mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt dar. Besonders stark sind die deutschen OEMs im Premiumsegment. Im Jahr 2019 erwirtschafte Marktführer Volkswagen in China rund 40% seines weltweiten Umsatzes; auch für BMW und Daimler ist der chinesische Markt mit einem Absatz von rund 30% von wesentlicher Bedeutung. Die deutschen Automobilzulieferer erwirtschaften ebenfalls einen sehr hohen Anteil ihres Umsatzes (ca. 65%) im Ausland, wobei Chinas Automobilsektor eine besonders wichtige Rolle einnimmt. Nach wie vor besteht eine große Anzahl an Joint Ventures zwischen deutschen und chinesischen Automobilherstellern und -zulieferern.

Chinas Automobilsektor – Deutsch-chinesische Kooperation in der AutomobilindustrieJoint Venture in China: von der „Zwangsvermählung“ zur „Liebesheirat“?

Der Joint-Venture-Zwang wird in Chinas Automobilsektor seit 2018 schrittweise aufgehoben. Seit Juli 2018 sind hundertprozentige Tochtergesellschaften (WFOEs) für NEVs und Spezialfahrzeuge möglich; für Nutzfahrzeuge gilt dies seit diesem Jahr. Ab 2022 soll dann auch die Beschränkung bei der Pkw-Herstellung entfallen. Eine Kooperation mit einem chinesischen Partner in Form eines Joint Venture kann aber weiterhin von Vorteil sein – etwa, um einen besseren Zugang zu Herstellern von Elektroautos zu erhalten. Auch nach Ankündigung des künftigen Wegfalls des Joint-Venture-Zwangs kam es 2018 zu einer Welle von deutsch-chinesischen Joint-Venture-Gründungen, u.a. zwischen den Automobilzulieferern Benteler und FAW, ZF und HELI, HELLA und BHAP oder Bosch und Zhong-Lian Automotive Electronics. Das neue Foreign Investment Law (FIL) trat 2020 in Kraft und hat die drei bisherigen Gesetze über Equity Joint Ventures, Contractual Joint Ventures und Wholly Foreign-Owned Enterprises (sog. FIE Laws) aufgehoben, sodass nun das Gesellschaftsgesetz für alle Investitionsvehikel in China gilt.

Zu den wesentlichen Neuerungen des FIL gehören eine geänderte Organisationsstruktur bei Joint Ventures, die Stärkung der Entscheidungsgewalt von Mehrheitsgesellschaftern mit mindestens zwei Dritteln der Anteile sowie die Möglichkeit, mit natürlichen Personen ein Joint Venture einzugehen. Der Einfluss des chinesischen Staates auf (Technologie-)Kooperationen besteht weiterhin, auch wenn das neue FIL die Praxis des erzwungenen Technologietransfers nun offiziell untersagt. Gemäß Art. 22 FIL sollen technologische Kooperationen grundsätzlich auf fairen und freien Verhandlungen der Parteien beruhen. Der Praxistest steht hier allerdings noch aus.

Chinas Automobilsektor – Technologietransfer nach China

E-Signaturen – Hilfsmittel in Zeiten der Corona-Krise

E-Signaturen als Hilfsmittel in der Corona-Krise
Quelle: Adobe Stock, © andrew_rybalko

Überblick über die Vertretungsmöglichkeiten

Eine chinesische Kapitalgesellschaft handelt nach der Grundkonzeption des Gesetzes im Rechtsverkehr durch ihren gesetzlichen Vertreter; er kann im Namen der Gesellschaft Willenserklärungen abgeben und empfangen. Insoweit unterscheidet sich die gesetzliche Stellvertretung einer chinesischen Kapitalgesellschaft nicht wesentlich von ihrem Pendant in Deutschland.

Zusätzlich besteht in der Volksrepublik China jedoch die Besonderheit der Abgabe von Willenserklärungen der Gesellschaft durch die Verwendung spezieller Stempel. Hier ist in erster Linie der sogenannte Company Chop zu nennen. Durch dessen Anbringung auf Verträgen oder sonstigen Dokumenten kann die Gesellschaft rechtsverbindliche Erklärungen abgeben. Daneben verfügt jede Gesellschaft über einen sogenannten Invoice/Fapiao Chop zur Ausfertigung der chinaspezifischen Steuerquittungen (sogenannte Fapiaos) sowie über einen sogenannten Finance Chop, der vor allem im Rechtsverkehr mit Banken erforderlich ist. Mitunter haben Gesellschaften noch einen eigenen Contract Chop, der speziell für den Abschluss von Verträgen zur Anwendung kommt und in diesem Bereich neben den Company Chop tritt. Schließlich lassen viele gesetzliche Vertreter auch einen eigenen sogenannten Legal Representative Name Chop in Auftrag geben, der an die Stelle der Unterschrift des gesetzlichen Vertreters treten kann und damit ebenfalls zur Abgabe von Willenserklärungen „durch“ die Gesellschaft dient.

Um ungeachtet des aktuellen Aufenthaltsorts des gesetzlichen Vertreters im Rechtsverkehr Handlungsfähigkeit zu gewährleisten, befinden sich die Stempel in der Regel am Sitz der Gesellschaft und werden dort entsprechend den unternehmensinternen Richtlinien verwahrt und verwendet. Die Anbringung von Stempeln auf Vertragsdokumenten unter Verstoß gegen diese internen Vorgaben (etwa unter Umgehung eines Vier-Augen-Prinzips oder einer Zuständigkeit des gesetzlichen Vertreters) ist im Außenverhältnis aber grundsätzlich unbeachtlich; der Vertrag kommt wirksam mit der Gesellschaft zustande.

Elektronische Signaturen als Alternative

Eine in China bislang in der Praxis verhältnismäßig wenig beachtete Alternative zur Verwendung von Stempeln für die Ausfertigung von Vertragsdokumenten ist der Einsatz elektronischer Signaturen. Grundlage hierfür bildet das „Gesetz der Volksrepublik China über elektronische Signaturen“ („SigG“). Das 2005 in Kraft getretene Gesetz wurde zuletzt 2019 überarbeitet und in seinem Anwendungsbereich erweitert. Nunmehr steht Unternehmen die Nutzung elektronischer Signaturen für Verträge in nahezu allen Geschäftsfeldern offen; seit der Novelle aus dem Jahr 2019 auch bei Immobilientransaktionen. Im Behördenverkehr steht diese Option, abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa im Bereich von Patentanmeldungen –, ausländisch-investierten Gesellschaften bislang nicht zur Verfügung.

Nach dem SigG kommt „zuverlässigen elektronischen Signaturen“ im Privatrecht die gleiche rechtliche Wirkung wie eigenhändigen Unterschriften oder Stempeln zu. Das Gesetz  stellt aber eine Reihe von Voraussetzungen auf, die eine solche zuverlässige elektronische Signatur erfüllen muss:

  • Die Signaturerstellungsdaten müssen zur Zeit der Verwendung zur Erzeugung einer elektronischen Signatur ausschließlich dem Inhaber der elektronischen Signatur zugeordnet sein.
  • Sie müssen außerdem bei der Unterzeichnung ausschließlich unter der Kontrolle des Inhabers der elektronischen Signatur stehen, und
  • schließlich muss jede Veränderung der elektronischen Signatur, des Inhalts oder der Form des elektronischen Dokuments nach der Unterzeichnung erkennbar sein.

Technologieneutralität des SigG und Public-Key-Verfahren

Das SigG ist technologieneutral formuliert, macht also keine Vorgaben zur Art und Weise der Erstellung zuverlässiger elektronischer Signaturen, solange die vorgenannten Anforderungen erfüllt sind. Es geht sogar noch einen Schritt weiter und eröffnet den Vertragsparteien die Möglichkeit, eigene Kriterien für die Verwendung elektronischer Signaturen zu vereinbaren.

In der Praxis kommen vielfach asymmetrische Kryptoverfahren zur Erstellung und Verifizierung von E-Signaturen zur Anwendung (sogenanntes Public-Key-Verfahren). Dabei wird zur Identifizierung des Unterzeichners und dessen Verifizierung auf die Dienste von speziell lizenzierten Zertifizierungsstellen -etwa die China Financial Certification Authority  – „CFCA“ oder die Beijing Certification Authority- zurückgegriffen. Deren Einbindung beim Abschluss von Verträgen unter Verwendung von ausschließlich elektronischen Signaturen wiederum erfolgt vielfach über die Betreiber sogenannter E-Contract-Plattformen, die als Dienstleister die Schnittstelle zwischen den Vertragsparteien und der Zertifizierungsstelle bilden. Zu den etablierten Anbietern in der Volksrepublik zählen etwa yunsign.com, fadada.com oder tsign.cn. Über den E-Contract-Plattform-Serviceprovider erfolgt typischerweise auch die Einbeziehung einer sogenannten Time Stamp Authority zur Verknüpfung der elektronischen Signatur mit einem Zeitstempel.

E-Signaturen als Hilfsmittel in der Corona-Krise
Schaubild zu den typischerweise Beteiligten beim Abschluss von E-Contracts

Der im Rahmen des Public-Key-Verfahrens zur Authentifizierung erforderliche private Schlüssel ermöglicht Unternehmen die Zugangskontrolle zur Nutzung des elektronischen Signaturverfahrens. Der Schlüsselinhaber kann dadurch Verträge mittels E-Signaturen ortsunabhängig im Namen der Gesellschaft abschließen. Auf diese Weise bleiben Unternehmen in Zeiten der coronabedingten Reisebeschränkungen handlungsfähig; gleichzeitig kann der Einsatz, und damit das Risiko eines Missbrauchs, von Stempeln reduziert werden.

Auch die unternehmensinternen Vertretungskompetenzen lassen sich so für die Zeit nach Corona einfacher implementieren und kontrollieren. Durch E-Signaturen lässt sich auch der gesetzliche Vertreter zukünftig häufiger unmittelbar in den Vertragsabschluss einbinden. Daneben wird der Einsatz von Stempeln freilich auch weiterhin nicht aus der unternehmerischen Praxis in China wegzudenken sein.

Fazit

Die Nutzung von E-Signaturen bietet eine interessante Alternative bzw. Ergänzung zu den üblicherweise in chinesischen Unternehmen verwendeten Stempeln. Durch das Public-Key-Verfahren lässt sich die passwortbasierte Ausfertigung von Verträgen in den Händen weniger Mitarbeiter des Unternehmens bündeln. Dadurch können auch interne Zuständigkeiten des gesetzlichen Vertreters ungeachtet eines Auslandsaufenthalts effizient und ohne Zeitverlust in der Praxis gelebt werden. Die – missbrauchsanfällige – Herausgabe und Verwendung von Stempeln lässt sich auf ein Mindestmaß reduzieren.

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics
Foto: Klapp Cosmetics

Klapp Cosmetics sieht sich als Pionier in der Welt der Schönheit und als Synonym für innovative kosmetische Behandlungen, die ihrer Zeit voraus sind. 40 Jahre Erfahrung und die kontinuierliche Erforschung sowie Entwicklung neuer Hightech-Wirkstoffe und -Methoden führten stets zur höchsten Behandlungszufriedenheit, heißt es auf der Homepage. Das von Gerhard Klapp gegründete Unternehmen ist hat sich auf Premiumangebote im Kosmetiksektor spezialisiert. Weltweit bieten mehr als 35.000 Kosmetikinstitute und Hotels in 60 Ländern die Produkte aus dem nordhessischen Lichtenau an. 2019 erzielte Klapp Cosmetics einen Umsatz von ungefähr 30 Mio. EUR bei einem 50%igen Exportanteil. Das EBITDA lag bei mehr als 3 Mio. EUR.

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics
Foto: Klapp Cosmetics

Vertriebswege für asiatischen Markt optimieren

Für Mandarin Capital Partners besteht ein Ziel der Akquisition darin, über die Niederlassung in Shanghai alle Vertriebswege für den asiatischen Markt zu optimieren. Klapp Cosmetics ist bereits seit Jahrzehnten im anspruchsvollsten Kosmetikmarkt weltweit vertreten: Südkorea. Von dort bestehen gute Voraussetzungen, schnell in China zu wachsen. „Bei den Themen vor Ort, wie neue Lieferanten oder Kunden zu finden, hilft dann unser Team in China, was dann zu deutlichen Umsatzsteigerungen führen kann“, berichtet Inna Gehrt, Partnerin bei Mandarin Capital Partners. Es sei extrem wichtig, vor Ort gut vernetzt zu sein, um die richtigen Partner zu finden. Das gilt für ganz Asien, wobei natürlich China als größter Markt im Fokus steht. „Man benötigt den richtigen Partner zur richtigen Zeit und diese zu finden, ist ebenso wichtig wie schwierig.“ Das Team in Shanghai kenne die jeweilige Kultur – und es gebe keine Sprachbarriere, die beim Aufbau von Vertriebswegen in Asien zu beachten wäre.

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics
Foto: Klapp Cosmetics

Bei Mandarin Capital Partners hat man sich für den Einstieg bei Klapp Cosmetics entschieden, weil man sich den weiteren Aufbau des Vertriebs zutraut. Übernommen wurden 79% der Gruppe; 15% behält Gründer Gerhard Klapp und 6% hält das Management um CEO Reiner Engert. Die Akquisition stellt den dritten Deal für den dritten Fonds der europäischen Private-Equity-Gesellschaft dar, deren Wurzeln in Italien liegen. Klapp Cosmetics hatte sich für den Verkauf seines Unternehmens entschieden, „um die langfristige Unternehmensnachfolge und weiteres internationales Wachstum zu sichern“.

Klapp Cosmetics wächst weiter

Die inländische Produktion wird ab 2020 erweitert; alle 200 Arbeitsplätze in der Zentrale und im Vertrieb sollen erhalten bleiben und neue Stellen hinzukommen. „Für chinesische Verbraucher im hochpreisigen Segment ist es nach wie vor ein Qualitätsmerkmal, wenn die Ware aus Europa kommt. Mit dem höchsten Innovationsgrad, wie im Falle Klapp, besitzen wir eine Unique Selling Proposition, die wir auch auf Sicht behalten werden“, betont Gehrt. Diesen Aspekt von „Made in Germany“ könne man auch hervorragend für die Online-Marketing-Strategie in China nutzen, betont die Partnerin.

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics
Foto: Klapp Cosmetics

Zur Marke gehört auch Gründer Gerhard Klapp, der dem Unternehmen als Minderheitsgesellschafter und Beiratsmitglied treu bleiben will. Er plant, sich vor allem auf die Repräsentanz der Marke sowie die Forschung und Entwicklung von innovativen Produkten zu fokussieren. Aus dem operativen Tagesgeschäft wird sich Klapp vollständig zurückziehen. Es seien dennoch „viele Ideen für neue Produkte und deren Konzeption umzusetzen, um das Unternehmen auch weiterhin erfolgreich in die Zukunft steuern zu können“, so der Firmengründer.

Organisches Wachstum und Akquisitionen im Schminkbereich

Gehrt sieht Chancen für die akquirierte Firma über Asien hinaus: Klapp Cosmetics sei in Deutschland eine etablierte Marke für Hautpflegeprodukte und beliefere in erster Linie Kosmetikstudios, die die Produkte selbst nutzen und auch an Kunden verkaufen. Hier möchte man vor allem mit dem bestehenden Geschäftsmodell organisch wachsen. Darüber hinaus sind alle anderen europäischen Märkte ebenfalls sehr interessant – die Ausgaben für Hautpflege pro Kopf steigen seit Jahren kontinuierlich.

Über die finanzielle Ausgestaltung des Deals wurde Stillschweigen vereinbart. Branchenkennern zufolge wird für Kosmetikunternehmen etwa das Sieben- bis 15-fache des EBITDA bezahlt. Gehrt betont dabei, dass der Kaufpreis ganz sicher nicht am oberen Ende dieser Range wäre. Über das organische Wachstum hinaus denkt Gehrt an Zukäufe: „Hier sehen wir in Italien Potenzial für Add-ons – vor allem im Markt für Schminkprodukte, bei denen Klapp noch überhaupt nicht aktiv ist und somit durch eine Zusatzakquisition in diesem Segment das Produktangebot erweitern kann. Als Private-Equity-Investor mit italienischen Wurzeln und der Verlinkung nach China können wir in beiden Ländern viele Türen öffnen.“

Mandarin Capital Partners kauft strategisch ein

Mandarin Capital Partners kauft pro Unternehmen über die Haltedauer – die bei den beiden anderen Fonds bislang bei vier bis fünf Jahren liegt – im Schnitt noch zwei bis drei weitere Wettbewerber oder Lieferanten als Zusatzakquisitionen. Ziel ist es, dadurch das Wachstum zu erhöhen und die Wertschöpfung zu vertiefen. Die Deutschlandchefin sieht hinreichend Potenzial und Targets, um während dieser Haltedauer den Umsatz von 30 Mio. auf bis zu 100 Mio. EUR zu schrauben.

Mandarin Capital Partners übernimmt Klapp Cosmetics
Foto: Klapp Cosmetics

In Deutschland sind bisher keine Akquisitionen für Klapp angedacht – ausgeschlossen sind sie aber nicht. Der US-Markt steht einstweilen nicht im Fokus der Wachstumsstrategie für Klapp. Hier geht es darum, durch Wachstum andernorts auf dem Globus für angelsächsische Investoren oder einen strategischen Käufer wie z.B. L’Oreal sichtbar zu werden. Deshalb wird es wichtig sein, die Wachstums- und Synergiepotenziale von Klapp für das nächste Level aufzeigen zu können.

Fazit

So geht Globalisierung heute: Ein europäischer Investor kauft eine deutsche Nobelfirma in einem lukrativen Nischensegment, um mit internationalem Wachstum, unter anderem in Asien, eine interessante Story zu schreiben. Mit der kann das Unternehmen dann zum Beispiel an strategische Käufer für den nächsten Wachstumsschritt veräußert werden.


Kurzprofil – Klapp Cosmetics GmbH:

Gründungsjahr: 1979
Branche: Kosmetik
Unternehmenssitz: Lichtenau (Hessen)
Mitarbeiterzahl: 200
Umsatz 2019: ca. 30 Mio. EUR

www.klapp-cosmetics.com

5G: Wettrennen im Weltmarkt

Symbolbild 5G in China
Quelle: Adobe Stock; © Sikov

Der Kampf um Anteile im Weltmarkt 5G ist in vollem Gange. Neben chinesischen
Unternehmen wie Huawei oder ZTE oder den Skandinaviern Nokia und Ericsson versuchen
auch deutsche Spieler wie die Deutsche Telekom ein Stück vom Marktkuchen zu gewinnen.
Das Geschehen ist von Allianzen, hohen Investitionen und Kämpfen geprägt, so z.B.
US-Boykotte gegen Huawei und ZTE, die Auftragsvergaben von China Unicom an Nokia
oder die Aufrüstung aller BMW-Werke in China auf 5G. Laut GMSA werden 5G-Netze bis
2025 bereits für ein Drittel der Weltbevölkerung zur Verfügung stehen – und im Hintergrund
wird schon am Start von 6G gearbeitet. Expertenumfrage von GEORG VON STEIN

Wie entwickelt China den 5G-Standard weiter?

Claudio Chiandussi Associate Partner, EY:

China treibt den 5G-Standard mit hoher Geschwindigkeit voran. Bis 2025 wird es in China 576 Mio. 5G-Verbindungen geben. Die CAICT prognostiziert einen Anstieg der Wirtschaftsleistung infolge von 5G um 2,9 Bio. RMB, was 363 Mrd. EUR entspricht. Mit einem weltweiten Anteil von dann 41% wird China der größte globale 5G-Markt sein.

Mehrere Faktoren begünstigen dabei die 5G-Entwicklung in China: Erstens beschleunigt die chinesische Regierung insbesondere nach COVID-19 den Rollout von 5G noch mehr. Zweitens: Die hervorragende 4G-Infrastruktur in China kann man für die Bereitstellung Trends Expertenumfrage von 5G adaptieren. Drittens findet man in China sehr viele Glasfasernetzwerke, genauso wie kleine Stationen („small cells“).

Es gibt aber auch begrenzende Faktoren: Aktuell ist das 5G-Geräte-Ökosystem weniger ausgereift und Einstiegspreise für entsprechende Endgeräte sind hoch. Und 5G wird in China im Moment noch eher als eine Technologie für die größten Städte angesehen, denn für mittelgroße und kleine Städte sind Kosten für die Einführung der Glasfaserinfrastruktur noch ziemlich hoch.

Dr. Roland Rohde Chief Representative Hongkong and South-West China, Germany Trade and Invest:

Die großen Anbieter wie Huawei und ZTE werden zunächst kleinere technische Anpassungen und Verbesserungen vornehmen. Gleichzeitig werden sie ihre Abhängigkeit von ausländischen Zulieferungen, insbesondere aus den USA, reduzieren. Die USA haben bereits Lieferboykotte gegen die beiden chinesischen Firmen verhängt. Es geht ja um einen Wettstreit um Zukunftstechnologie. China denkt dabei sehr langfristig. So will es z.B. bei Halbleitern den Rückstand zu den USA und Taiwan aufholen – was allerdings ein langwieriger, risikoreicher und teurer Weg mit ungewissem Ausgang ist, denn Firmen aus USA und Taiwan lassen sich nicht einfach die Butter vom Brot nehmen. Außerdem fallen in der Halbleiterindustrie riesige Investitionssummen an, die selbst Chinas finanzielle Fähigkeiten übersteigen könnten.


Porträt Dr. Roland Rohde, Chief Representative Hongkong and South- West China, GTAIDr. Roland Rohde
Chief Representative Hongkong and South-West China, GTAI
Dr. Roland Rohde berichtet seit 12 Jahren für die GTAI (Germany Trade
and Invest) von Hongkong aus über Branchen und Märkte – Schwerpunkt
Elektronik- und IKT-Sektor – in der VR China. Er promovierte in Volkswirtschaft über die politische Ökonomie des „East Asian Miracle“
und spricht fließend Chinesisch.


Die Verschuldung der chinesischen Unternehmen ist bereits jetzt die höchste in Asien. Ich denke, man wird sich langfristig auf 6G konzentrieren, um dort dann im großen Stil globale Standards setzen zu können. Bereits jetzt werden in China Forschungslabore und -teams für 6G gegründet. Bis 6G Realität wird, wird es aber vermutlich über 2030 hinaus dauern. 5G hingegen wird zwischenzeitlich völlig neue technische Lösungen – u.a. bei Virtual- und Augmented Reality – in unterschiedlichsten Branchen ermöglichen.

Jing Li Geschäftsführerin, Youpin International:

In China ist der Staat bzw. die Partei  immer die treibende Kraft; sie schafft die Rahmenbedingungen, definiert technische Standards und entwickelt eine langfristige Strategie. Die Chinesen nennen das „ganzheitliche Betrachtung“, etwas, das in vielen Lebensbereichen eine entscheidende Rolle spielt. Konkret hat die Regierung der Cyberspace Affairs Commission die Verantwortung übertragen, das 5G-Netz in China voranzutreiben. Sie macht z.B. Vorschläge für Gesetzesänderungen oder Entwicklungspläne für ganze Industrien. Die Kommission betreibt dann in den einzelnen Regionen Büros vor Ort, die dann Umsetzungen begleiten und Berichte über die Weiterentwicklung von 5G an die Zentralregierung liefern.

Wichtig ist auch die chinesische Akademie für Informations- und Kommunikationstechnologie, unter deren Leitung die IMT-2020 5G Promotion Group und die drei größten chinesischen Telekommunikationsbetreiber Sicherheitstests für die 5G-Basisstationen und die Kernnetzausrüstung von Huawei und ZTE durchführten.

Was sind die Pläne der großen Anbieter in China, den USA und Deutschland?

Dr. Georg Beckmann Associate Partner, EY:

In China werden die Unternehmen mithilfe neuer 5G-Terminals ein breiteres Spektrum an IKT-Diensten anbieten und neue Inhalte sowie Anwendungen entwickeln. Außerdem werden sich die Preise für Endgeräte reduzieren. China Mobile – nach Kundenzahl weltweit größter Betreiber – hat kürzlich einen 5G-Auftrag im Wert von 37,1 Mrd. CNY (4,7 Mrd. EUR) größtenteils an Huawei und ZTE vergeben.

In Deutschland dominiert die Deutsche Telekom den für 5G wichtigen Glasfaser-Rollout. Laut Angaben der Telekom sollen bis Ende 2020 50% der Kunden von 5G profitieren können, weil mehr als 12.000 Antennen für den 5G-Betrieb vorbereitet sind. Für den Rollout bis 2022 müssen Anbieter, die in den deutschen 5G-Auktionen von 2019 festgeschriebenen hohen Auflagen erfüllen. Vodafone, Telefónica und 1&1 verfolgen dabei im deutschen Markt ebenfalls ambitionierte Rollout-Pläne.


Porträt Dr. Georg Beckman, Associate Partner, EYDr. Georg Beckmann, Associate Partner EY
Dr. Georg Beckmann ist Associate Partner im Strategy and Transaction
Team von EY. Nach seinem Berufseinstieg bei der Deutschen Telekom spezialisierte er sich auf die Transaktionsberatung mit Fokus auf den TelCo-Sektor und betreute zahlreiche europäische und globale PMI- sowie Restrukturierungsprojekte.


In den USA bauen alle vier zentralen Mobilfunkbetreiber – AT&T, Sprint, T-Mobile und Verizon – die 5G-Infrastruktur auf. Telekommunikationsunternehmen haben selbst während des Corona-Lockdowns Huawei, Nokia und Ericsson mit der Lieferung von 5G-Lösungen beauftragt, z.B. für Hochgeschwindigkeits-Videoübertragungen oder selbstfahrende Autos.

Dr. Roland Rohde:

Huawei, ZTE, BKK Electronics und die anderen großen Spieler werden zunächst die 5G-Netzabdeckung in China ausbauen. Erst mal werden aber wesentlich mehr 4G-Endgeräte als 5G-Smartphones verkauft. Insgesamt schwächelt der Smartphonemarkt in China 2020 noch. Wegen der schlechteren Konjunktur sitzt den Menschen das Geld nicht mehr so locker in der Tasche, zumal die Endgeräte immer teurer werden. Der staatliche Think Tank CAICT geht für den IKT-Sektor für 2021 von rund 200 Mio. 5G-Nutzern aus. Zwei Jahre später sollen es über eine halbe Milliarde sein. 2026 würde man sich der 1-Mrd.-Grenze nähern und damit dann mehr 5G- als 4G Kunden aufweisen.

Gleichzeitig haben Huawei & Co. beim Aufbau der 5G-Netze für andere Länder schon viele lukrative Verträge abgeschlossen. Doch Regierungen könnten bestehende Abmachungen aufkündigen, denn insbesondere im Westen haben die Bedenken gegenüber China und wegen möglicher Ausspionierung über 5G-Technologien zugenommen. China wird sich daher auf die Entwicklungs- und Schwellenländer konzentrieren. Hier können Huawei und ZTE mit deutlich geringen Kosten gegenüber Ericsson oder Nokia punkten. Gegebenenfalls wird China beim 5G-Ausbau auch günstige Kredite zur Verfügung stellen, wie bei der Seidenstraße-Initiative.

Jing Li:

Technologie ist das eine, Politik das andere. Die USA und später Großbritannien haben ja deutlich gemacht, dass sie aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht willens sind, 5G mit ZTE und Huawei-Technologie zu entwickeln. Vorteilhafter für eine immer kleinere Welt wäre aber eine engere Zusammenarbeit. Die Lösung für Huawei müsse laut Gründer Zhengfei Ren in zwei Richtungen gehen: Einerseits werde der Boykott als Antrieb gesehen. Wörtlich sagte er neulich in einem Interview: “Wir finden nicht genug Akzeptanz, weil wir noch nicht gut genug sind”. Andererseits fordert Ren Zhengfei mehr gegenseitiges Verständnis. Kulturelle Missverständnisse und Fehlinterpretationen führten zu Misstrauen und Abschottung. Er empfiehlt Huawei, die westliche Kultur noch besser kennenzulernen. Gleichzeitig möchte er aber auch chinesische Werte im Westen bekannter machen.

BASF Venture Capital & Evonik Venture Capital investieren in SmartAHC

BASF Venture Capital und Evonik Venture Capital investieren in SmartAHC
Quelle: Adobe Stock; © dusanpetkovic1

SmartAHC wurde 2014 von Absolventen der Technischen Universität Nanyang (Singapur) gegründet. Die Effizienz der Farmen und das Wohlergehen der Tiere stehen im Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit des Unternehmens. Insbesondere werden Geräte und Software entwickelt, die eine bessere Überwachung der Tiere erlauben. Dadurch wird beispielsweise die frühzeitige Entdeckung und Bekämpfung von Seuchen ermöglicht. Auch lassen sich darüber die Fütterung und die Gabe von Medikamenten besser und vor allem auf jedes einzelne Tier bezogen steuern. Künstliche Intelligenz und Internet of Things erlauben die Kontrolle des gesamten Tierbestandes in Echtzeit. Im Rahmen der neuesten Finanzierungsrunde haben sowohl BASF Venture Capital als auch Evonik Venture Capital in SmartAHC investiert.

Schweinezucht im 21. Jahrhundert

Weltweit werden rund 1,4 Milliarden Schweine pro Jahr konsumiert, etwa die Hälfte davon in China, was auch grob der chinesischen Jahresproduktion entspricht. Schweinefleisch ist mit Abstand das populärste Fleisch in China – rund zwei Drittel des chinesischen Fleischkonsums entfallen auf Schweinefleisch. Zeitgleich ist der Markt sehr zersplittert. Die meisten chinesischen Schweinezüchter sind kleine oder mittelständische Unternehmen. Dass SmartAHC vorerst primär große und mittlere Betriebe adressiert, hat dabei vornehmlich Marketinggründe. Prinzipiell lässt die Technologie sich in jedem Unternehmen, ungeachtet der jeweiligen Größe, implementieren. Allerdings besteht gerade bei den Großunternehmen die Bereitschaft, in technologische Neuerungen zu investieren. Gerade der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest im August des Jahres 2018 in China hat die Bereitschaft hierzu deutlich erhöht.

Bernhard Mohr, Leiter der Venture Capital-Einheit des Essener Evonik-Konzerns (Spezialchemie), Bernhard Mohr, erhofft sich von dem Investment in SmartAHC nicht zuletzt neue Erkenntnisse für das Segment Nutrition & Care des Unternehmens: „Diese Investition bietet uns Einblicke in neu entstehende Technologien, die für eine nachhaltige Tierernährung von hoher Relevanz sind.“ Markus Solibieda, Managing Director von BASF Venture Capital, wiederum sieht in der Beteiligung an SmartAHC eine gute Ergänzung des Portfolios: „SmartAHC passt gut zu unseren Investmentschwerpunkten Agrartechnologie und Digitalisierung. Außerdem ergänzen wir damit die Strategie der BASF, Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung zu fördern.“ In der Tat hat BASF in jüngster Zeit einige Investitionen in diesem Bereich getätigt, beispielsweise kaufte das Ludwigshafener Unternehmen erst Anfang Juli dieses Jahres das tschechische Unternehmen Cloudfarms, das ähnlich wie SmartAHC ausgerichtet ist.

Als drittes Unternehmen beteiligte sich die chinesische SinoAgri mit Sitz in Shenzhen an der Finanzierungsrunde. Über die Höhe ihrer jeweiligen Beteiligung ließen weder Evonik noch BASF etwas verlautbaren. Für Evonik Venture Capital ist SmartAHC nach Meditool, einem Anbieter von medizinischem 3D-Druck, die zweite chinesische Direktbeteiligung seit der Eröffnung des Shanghaier Venture Capital Büros im Jahr 2018.

Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH: Neustart mit chinesischem Investor

SCHIESS Werkzeugmaschinenfabrik GmbH: Neustart mit chinesischem Investor

Shandong Guochuang zählt zu den größten Handform-Gießereiunternehmen Chinas und der Welt. Der Mittelständler fertigt Gussteile für Windkraftanlagen, wofür spezielle Werkzeugmaschinen notwendig sind. „Dank der Übernahme durch den chinesischen Investor bleiben Know-how und Produktion am Standort Aschersleben erhalten“, freut sich Insolvenzverwalter Prof. Dr. Lucas Flöther, der den Deal einfädelte. „Eine sehr gute Nachricht ist, dass Shandong Guochuang einen bedeutenden Teil der Mitarbeiter von Schiess wieder einstellen will.“

Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH Vertimaster VMG 6
Eine Schiess Vertimaster VMG 6 für Werkstücke bis 600 Tonnen Gewicht.

Weltweiter Kundenkreis

Die Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH entwickelt und fertigt Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen. Diese werden als Werkzeuge von Produzenten benötigt, die damit z.B. Windkrafträder oder Turbinen herstellen. „Wir fertigen für einen internationalen Kundenkreis“, erläutert Dr. Ulrich Minkner, der als Angestellter des chinesischen Mutterkonzerns die Produktion unterstützt. „Unsere Kunden kommen aus Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Energiesektor, Transportwesen und Bergbau.“

Der Maschinenbauer Schiess blickt auf eine über 160 Jahre lange Tradition zurück, hatte aber immer wieder mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Seit 2004 gehörte das Unternehmen zum chinesischen Konzern Shenyang Maschine Tool Group (SMTCL).

Mitarbeiter werden wieder eingestellt

„Mit Shenyang Machine Tool war eigentlich geplant, Werkzeugmaschinen mit deutschem Engineering für den chinesischen Markt zu designen“, so Dr. Minkner. „Wegen organisatorischer Schwierigkeiten wurde dieses Konzept aber nicht umgesetzt.“ Denn ein Großteil der entwickelten Prototypen konnte in Sachen technischer Stand und Produktionskosten nicht die Anforderungen erfüllen, die der Mutterkonzern aufgestellt hatte. Da die Kosten aus dem Ruder liefen und der Gesellschafter keine Gelder mehr in die Sanierung investieren wollte, mussten die Ostdeutschen im Januar 2019 Insolvenz anmelden. Nach der Insolvenzeröffnung im April 2019 fand Prof. Dr. Flöther zunächst keinen neuen Investor, sodass der Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb stilllegen und fast allen Mitarbeitern kündigen musste – mit Ausnahme eines kleinen Teams für die letzte Produktion. Aktuell sind 63 Mitarbeiter unter der Geschäftsführung von Herrn Xin Ma bei Schiess beschäftigt; auf längere Sicht soll die Personalstärke wieder bei 80 bis 100 liegen.

SCHIESS Werkzeugmaschinenfabrik GmbH wagt Neustart mit Shandong Guouchang

Werkzeugmaschinen für Windenergieanlagen

Einen Retter zu finden war nicht einfach; verschiedene M&A-Berater stellten dann aber den Kontakt zu Shandong Guochuang her. „Die Windenergiesparte ist ein weltweit boomendes Geschäft und benötigt dafür eine große Anzahl von Bearbeitungsmaschinen“, erläutert der Investor Herr Fan. Die größten Klassen der Windenergiekonverter werden allerdings für die Werkzeugmaschinenbauer immer aufwendiger. „Unsere Maschinen lassen sich besonders im Multi-Megawattbereich sehr komfortabel einsetzen.“ Shandong Guochuang will solche großen Werkzeugmaschinen bei Schiess unter anderem für das eigene Haus bauen, um damit Komponenten für die größten Windenergieanlagen der Welt herzustellen.

Viel Erfahrung mit internationalen Playern

Aufgrund der internationalen Erfahrung mit Kunden wie Siemens Dänemark, Siemens USA, Siemens Deutschland, Hitachi, Vestas, aber auch Envision und Goldwind ist bei Shandong Guochuang umfangreiches Know-how mit ausländischen Partnern vorhanden. Durch zahlreiche Businesstrips zu europäischen Maschinenbauern in den vergangenen Jahren sind im Konzern auch die europäischen und internationalen Gepflogenheiten im Geschäftsleben bekannt. „Die interkulturelle Zusammenarbeit beschränkte sich aber nur auf die Gestaltung von Rechtsgeschäften wie die Übernahme oder Neugründung von GmbHs sowie die Bewertung von Assets und Vermögensgegenständen“, berichtet Dr. Minkner. Bei der Übernahme von Schiess als reinem Asset Deal wurden zunächst alle arbeitsrechtlichen Bedingungen geklärt, dann der Kaufpreis verhandelt und schließlich ein detaillierter Kaufvertrag formuliert. „Die kompetente Zusammenarbeit des engagierten Insolvenzverwalters mit den beteiligten Geschäftspartnern hat dazu beigetragen, dass trotz des späten Einstiegs von Shandong Guochuang ein sehr einvernehmlicher Vertrag zustande kam“, freut sich Herr Fan.

Porträt Dr. Ulrich Minkner
Dr. Ulrich Minkner, Quality Director bei Guochang Wind Power seit 2015 und in der Produktion bei Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH.

Standort Aschersleben bleibt erhalten

Für Schiess bedeutet die Übernahme durch Shandong Guochuang, dass die Zerschlagung der Betriebsstätte am Standort Aschersleben verhindert werden konnte und die traditionsreiche Maschinenbaukompetenz erhalten bleibt. „Der Fortbestand des Betriebs wird durch den Bau von Werkzeugmaschinen mit Einkaufsvolumina von rund 5 Mio. EUR zwischen 80 bis 100 Arbeitsplätze im Harzvorland sichern“, sagt Geschäftsführer Ma. Die Rettung des Standorts in Ostdeutschland bedeutet zudem, dass das Konzept der Lohn-Fertigung, Fertigung, Montage, Konstruktion und Servicekompetenz in einer Einheit fortgesetzt wird.

Weitere innovative Projekte

Im Zentrum der Zusammenarbeit sollen künftig die Werkzeugmaschinen vom Typ Gantry stehen, mit denen Shandong Guochuang besonders große Gusskomponenten für Windkraftanlagen herstellen kann. „Wegen ihrer Größe und dem besonderen Know-how können sie auch für andere internationale Kunden attraktiv sein“, berichtet Dr. Minkner. Gemeinsam soll in Zukunft auch die Produktion von Bohrwerken durchgeführt werden. „Außerdem werden die kleineren Bearbeitungszentren vom Typ Ascarapid weiterentwickelt“, weiß er. Für Guochuangs Kunden befinden sich zudem jeweils Maschinen zur Bearbeitung von Nuklearkomponenten und von Turbinentechnik in Planung. Nicht zuletzt sollen Synergien und Know-how-Gewinn zwischen beiden mittelständischen Unternehmen auf diesen Gebieten erfolgen:

  • Herstellung von handwerklich anspruchsvollem Handformguss,
  • Montage- und Inbetriebnahme,
  • Arbeit mit Bestandskunden sowie
  • Elektronik, Software und Maschinenprogrammierung.
Schiess Werkzeugmaschinenfabrik Retrofit
Retrofit von Anlagen in der Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH

 Ausblick

Auch dieser Fall zeigt, dass deutsche Maschinenbauer selbst bei schwierigen Sanierungen nach wie vor mit chinesischen Investoren rechnen können. Durch die Übernahme erhält das traditionsreiche Unternehmen in den nächsten Jahren genügend Aufträge, um seinen Hauptsitz und bis zu 100 Arbeitsplätze zu erhalten. Shandong Guochuang beschert der Deal indes ein eigenes Produktionswerk für Werkzeugmaschinen, die Teile für riesige Windenergieanlagen herstellen können. Das ist jedoch keine Garantie dafür, dass die Rettung dauerhaft sein wird. Das Beispiel zeigt nämlich auch, dass die Ansprüche der Chinesen mit den eigenen Erfolgen steigen: Sowohl bei der Technologie als auch bei den Kosten werden immer höhere Maßstäbe gesetzt. Nur wenn Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH diese erfüllen kann und will, wird sich das Investment auch für Shandong Guochuang lohnen.

Der chinesische Anleihenmarkt bleibt ein sicherer Hafen

Der chinesische Anleihenmarkt bleibt ein sicherer Hafen
Quelle: Adobe Stock; © iQoncept

Die schnelle und dynamische Erholung der chinesischen Wirtschaft, eine rege Emissionstätigkeit und der überraschend starke Euro haben bei Renminbi-Bonds zuletzt für bisher ungewohnte Turbulenzen gesorgt. Doch damit habe der chinesische Anleihenmarkt keinesfalls seinen bisherigen Status als „sicherer Hafen“ verloren, erklärt Monica Wang, Senior Portfolio Manager bei Eurizon SLJ Capital, im Interview.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in China ein?

Monica Wang: Glücklicherweise sind die Zahlen zu Neuinfektionen, Erkrankungen insgesamt und zur Sterblichkeitsrate derzeit extrem niedrig. Das bietet der Volksrepublik die große Chance, dass sich ihre Wirtschaft noch vor denen anderer Staaten erholt. Zurzeit dürfte die Wirtschaftsaktivität in den meisten Sektoren wieder bei 85 bis 90 Prozent des Vorjahresniveaus liegen. Ausgangspunkt für die Erholungsbewegung war das verarbeitende Gewerbe. Hinzu kam in einer zweiten Phase der Dienstleistungssektor, für den es besonders im Mai kräftig nach oben ging. Grund ist, dass ein Großteil der Quarantäne-Beschränkungen gelockert worden war. Die Menschen begannen wieder, zu reisen oder Restaurants zu besuchen. Dass wieder Geld ausgegeben wurde, hat diese Erholung sicherlich massiv unterstützt.

Wie sehen Sie die Chancen für die ursprünglich erhoffte v-förmige Erholung?

Der Verlauf der erwarteten Erholung ist schon mit vielen Buchstaben beschrieben worden. Als das Virus noch auf China begrenzt war, sprach man zunächst von einer v-förmigen Erholung. Ein starker Einbruch gefolgt von einer unmittelbaren und ebenso starken Erholung.
Dann folgte aber die Ausbreitung von COVID-19 auf Europa und die USA. Jetzt schien eine eher w-förmige Entwicklung plausibler. Besonders befürchtet wurde dabei eine mögliche zweite Infektionswelle durch nach China einreisende Menschen. Da die Regierung aber so ziemlich alle Einreisenden für 14 bis 21 Tage in von ihr beaufsichtigten Hotels unter Quarantäne gestellt hat, halte ich die Gefahr einer zweiten Welle derzeit für sehr, sehr gering. Deshalb erscheint uns das v-förmige Szenario weiterhin als am wahrscheinlichsten.

Wie bewerten Sie das Konjunkturprogramm der chinesischen Regierung?

Die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Bewältigung der COVID-19-Krise haben einen Umfang von etwa sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist deutlich weniger als das Volumen der Maßnahmen in der großen Finanzkrise 2009. Die beschlossenen Pakete sind zwar sicher hilfreich, reichen aber wohl nur zu einer v-förmigen Erholung. Für einen Anstieg der Wirtschaftsaktivität über das Vorkrisenniveau hinaus genügen sie nicht.

Was muss die chinesische Regierung jetzt tun, um die Erholung zu sichern?

Sie muss sich noch stärker auf die Ankurbelung des privaten Konsums konzentrieren. In dieser Hinsicht hat sie aber bereits viele sinnvolle Maßnahmen ergriffen, die Chinas Wirtschaft seit dem zweiten Quartal stützen. Beispielsweise wurden Gutscheine für private Einkäufe in Supermärkten verteilt. Hinzu kommen von der Regierung organisierte Festivals in Großstädten wie Schanghai. Sie habe den Menschen ermöglicht, wieder das Nachtleben zu genießen. Restaurants und Supermärkte durften 24 Stunden lang öffnen. Sogar die Straßenläden, die in den vergangenen Jahrzehnten wegen der Störung des Straßenbilds und zugunsten des stationären Einzelhandels mehr oder weniger verboten worden waren, sind unter dem Druck der steigenden Arbeitslosenzahlen wieder zugelassen worden.

Welche Risiken sehen sie jetzt für die weitere Erholung über Vorkrisenniveau hinaus?

Nach einer Erholung der Wirtschaft auf das Vorkrisenniveau stehen aus meiner Sicht eine Reihe von Fragezeichen hinter einem weiteren Anstieg der ökonomischen Aktivität. Erstens kommt es auf die Entwicklung des Exports an, wobei die entsprechenden Daten zuletzt besser waren als befürchtet. Unter anderem die steigende Ausfuhr medizinischer Güter hat sich positiv ausgewirkt. Für die Zukunft ist aber weiterhin fraglich, ob sich die in Übersee beschlossenen Lockdown-Maßnahmen und die resultierende Wirtschaftsschwäche nicht doch stärker auf den chinesischen Exportsektor auswirken werden.

Die zweite Unsicherheit ist die Entwicklung der Immobilienwirtschaft im dritten und vierten Quartal. Sie ist einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche in China. Es stellt sich die Frage, ob die bisherige Erholung nur die Auflösung des Nachfragestaus aus den Monaten Februar oder März widerspiegelt, oder ob wir es sich tatsächlich um den Beginn einer nachhaltigen Entwicklung handelt. Weiterhin stehen auch Fragezeichen hinter der chinesischen Binnennachfrage. Sie könnte nach der ersten Erholungswelle möglicherweise nicht besonders hoch ausfallen.

Welche Auswirkungen werden die steigenden Spannungen zwischen den USA und China haben?

Wir beobachten weltweit, dass die von COVID-19 verursachten wirtschaftlichen Verwerfungen zu politischen Spannungen werden. Gleichzeitig lässt sich der interne Stress in dieser Situation auch leicht in externe Konflikte umwandeln. Hinzu kommt das neue „Sicherheitsgesetz“ für Hongkong, dessen Einführung die bisherigen Spannungen von einem Interessenskonflikt um Informationstechnologie jetzt auf das Niveau einer politischen Auseinandersetzung verschärft hat. Für China ist diese Eskalation ungünstig. Daher hat Peking seinen Willen bekräftigt, ein Phase-1-Handelsabkommen zu erzielen. Zusätzlich hat die Regierung die größte Insel Chinas, Hainan, zu einer Freihandelszone ernannt. Damit verbindet sie die Hoffnung, dass dort dank der steigenden Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren eine Art neues Hongkong innerhalb der Volksrepublik entstehen wird.

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