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Warum „Made in Germany“ für China interessant bleibt

Claudio Chiandussi
Claudio Chiandussi ist Associate Partner bei EY im Bereich Transaktionsberatung. Er berät seit über 14 Jahren Mandanten im Rahmen nationaler wie internationaler M&A-Transaktionsprojekte, darunter auch drei Jahre in Shanghai und Hongkong. Bildquelle: EY

Noch Mitte 2019 meldeten die Wirtschaftsforscher einen dramatischen Einbruch bei Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions; M&A) von und mit deutschen Firmen. So fiel der M&A-Index des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im April auf den tiefsten Stand seit der ersten Berechnung im Jahr 2005, gefolgt vom zweittiefsten Wert im Mai. Auch die deutsche Wirtschaft wuchs 2019 mit 0,6% so gering wie seit sechs Jahren nicht mehr. Unterm Strich standen im vergangenen Jahr mit 219 Transaktionen jedoch nur zehn weniger als im Jahr 2018, bei gleichzeitig höheren Dealgrößen von bis zu geschätzten 24,5 Mrd. USD, die E.ON für innogy zahlte.

Der weltweite Anteil von chinesischen M&A-Transaktionen 2019
Auf 8,8% sank 2019 der weltweite Anteil von chinesischen M&A-Transaktionen (inkl. Hongkong), von 11,4% im Jahr 2018.

Fünfjährige Rally ausgebremst

Dass damit die Rally nach oben am M&A-Markt nach fünf Jahren beendet ist, überrascht nicht – hatten doch in den Jahren zuvor in erster Linie chinesische Firmen in großem Stil zugekauft, wie die Einstiege von ChemChina bei KraussMaffei oder von Midea bei KUKA beispielhaft zeigten.

Dass der Anteil Chinas an M&A-Deals 2019 auf 8,8% nach 11,4% im Vorjahr sank, hat vier wesentliche Gründe: Erstens ist die konjunkturelle Lage im Land und in der Weltwirtschaft schwierig – auch wegen der anhaltenden Handelsdiskussion mit den USA. Zweitens mangelt es aktuell an Übernahmekandidaten, die (a) technologisch eine sinnvolle Ergänzung des bisherigen Produktportfolios darstellen und (b) in dem erlaubten Rahmen der von der chinesischen Regierung derzeit unterstützten Auslandsinvestitionsbemühungen passen. Gestiegene Wertvorstellungen der Verkäufer lassen viertens zudem Investoren – auch aus dem Reich der Mitte – selektiver als etwa im Boomjahr 2016 agieren.

Deutschland restriktiver bei ausländischen Übernahmen

Das Interesse Chinas an deutschem Know-how bleibt aber bestehen, wie die jüngst verkündete Gründung eines Joint Venture zwischen Daimler und Geely im Rahmen der geplanten Produktion des Smart in China als reines Elektroauto belegt. Manchmal kommen chinesische Bieter allerdings auch einfach nicht zum Zug. Neben unterschiedlichen Preisvorstellungen liegt das auch daran, dass die Bundesregierung inzwischen häufiger ihr Vetorecht einsetzt. Die Liste der „No-Go-Industrien“ für ausländische Käufer umfasst vor allem die kritische Infrastruktur. Zögerte sie bei der Übernahme von KUKA noch, untersagte die Bundesregierung den Einstieg der Chinesen bei dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz aus sicherheitspolitischen Erwägungen. Auch die aktuelle Debatte um den Ausschluss von HUAWEI als Zulieferer für das 5G-Netz zielt in diese Richtung.

Mode und Sportartikel: konsumorientierte Branchen im Fokus

Ein immenses Potenzial liegt in Chinas wachsender und konsumfreudiger Mittelschicht: Viele Unternehmen wollen sich hier ein Stück vom Kuchen sichern. Hinzu kommt, dass die chinesische Regierung Investitionen fördert, die die Abhängigkeit von Schwerindustrie und Exporten reduzieren und das Land zu einem konsumbasierten Wachstum führen.

Entsprechend attraktiv sind verbrauchernahe Branchen wie Mode und Sportartikel, Luxusgüter, Reisedienstleistungen, aber auch die Verpackungsindustrie. Klangvolle Namen standen auch 2019 hoch im Kurs. So machten z.B. Übernahmen durch den chinesischen Mischkonzern Fosun Schlagzeilen: Er kaufte die Modemarke Tom Tailor und die Namensrechte sowie zwei Hotelketten des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook. Im Vorjahr waren bereits das Pariser Traditionshaus Carven, der Schweizer Luxusschuhhersteller Bally, das französische Modelabel Lanvin oder der österreichische Textilhersteller Wolford in chinesische Hände gegangen.

China bleibt VWs wichtigster Markt

VW Logo
Quelle: Adobe Stock © Björn Wylezich

Auf seiner Bilanzpressekonferenz gab der deutsche Autohersteller Volkswagen (VW) bekannt, dass er im Jahr 2019 weltweit 10,97 Mio. Autos verkauft hat. Dabei wurden ein Umsatz von 252,6 Mrd. EUR und ein Betriebsgewinn von 17,0 Mrd. EUR erzielt. Dies entspricht einem Anstieg von 7,1% bzw. 21,8% gegenüber dem Vorjahr. Insbesondere China bleibt VWs wichtigster Markt und war ein elementarer Eckstein des Erfolgs. Der Fahrzeugabsatz dort belief sich auf 4,23 Mio. Fahrzeuge, was 93,45% des Absatzes im asiatisch-pazifischen Markt und 38,5% des weltweiten Absatzes entspricht. Das Betriebsergebnis des chinesischen Marktes belief sich im vergangenen auf 4,4 Mrd. EUR, was mehr als einem Viertel des Gesamtgewinns von VW entspricht.

Insgesamt verfügt VW über 14 Fabriken auf dem chinesischen Festland. Sechs Werke werden im Joint Venture mit FAW Car und weitere acht Fabriken gemeinsam mit SAIC Motors betrieben. Das China VWs wichtigster Markt bleibt, zeigt sich auch am Verkaufsvolumen der größte ausländischen Autohersteller in China: 19,8% der Verkäufe am chinesischen Automarkt entfielen auf VW. Im Vorjahr waren es noch 18,4%. Aufgrund des COVID-19-Ausbruchs wird erwartet, dass der Umsatz von VW in China im Jahr 2020 im Jahresvergleich um etwa 3% sinken wird.

Trotzdem zeigte sich der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess hinsichtlich des Wachstumspotenzials des chinesischen Marktes weiterhin zuversichtlich. Das Unternehmen plant, im Jahr 2020 zusammen mit seinen Partnern mehr als 4 Mrd. EUR in China zu investieren. Davon sollen 40% in Forschung und Entwicklung, Produktion und Infrastrukturbau im Zusammenhang mit Elektrofahrzeugen (EV) fliessen. Bis Ende 2020 will VW seine weltweite EV-Leistung auf fast 1 Mio. Einheiten steigern, wobei 600.000 aus seinen beiden chinesischen EV-Fabriken stammen werden.

Fosun Pharma steigt bei BioNTech ein

Pipette adding fluid to one of several test tubes
Quelle: Adobe Stock © motorolka

„In unseren Augen ist diese Kooperation ein wichtiger Schritt im Rahmen unserer weltweiten Bemühungen, die Entwicklung unseres mRNA-Impfstoffes zum Schutz vor einer COVID-19-Infektion voranzutreiben. Fosun Pharma stellt hierfür fundierte Kenntnisse in der Entwicklung sowie ein umfangreiches Netzwerk im chinesischen Pharmamarkt bereit“, stellt der Gründer und Vorstandsvorsitzende von BioNTech Prof. Ugur Sahin fest. Fosun Pharma steigt bei BioNTech ein, um gemeinsam den mRNA-Impfstoffkandidaten BNT162 zur Prävention von COVID-19-Infektionen in China weiter zu entwickeln. Als mRNA, (das „m“ steht für „messenger“), bezeichnet man eine einzelsträngige, synthetisch hergestellte Kopie eines Teilabschnitts der DNA eines Gens.

Der neue Impfstoff soll erstmals Ende April am Menschen getestet werden, wenn die behördlichen Genehmigungen vorliegen. Gerade hinsichtlich der Durchführung von klinischen Studien in China dürfte Fosun Pharmas umfangreiche Erfahrung in der klinischen Entwicklung, Zulassung und Kommerzialisierung von Therapeutika im chinesischen Markt von großem Nutzen für BioNTech sein. Wenn die Tests erfolgreich verlaufen, werden die Rechte zur Kommerzialisierung in China bei Fosun liegen. Für den Rest der Welt verbleiben sie bei dem Mainzer Unternehmen. Beide Unternehmen vereinbarten eine Zuwendung von Fosun und BioNTech in Höhe von 120 Mio. EUR. Dazu gehört auch der Erwerb von rund 1,58 Mio. Stammaktien durch Fosun. Zu diesem Zwecke nimmt BioNTech eine Kapitalerhöhung in Höhe von 50 Mio. EUR vor. Den Chinesen gehören dann in etwa 0,7% der Anteile von BioNTech. Voraussetzungen sind der Abschlusses einer Aktienzeichnungsdokumentation und die Genehmigung durch die Aufsichtsbehörden in China.

Gemeinsam zum Covid-19-Impstoff

„Die Bekämpfung einer möglichen Pandemie erfordert den kollektiven Einsatz. Unsere beiden Unternehmen haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, gemeinsam einen Beitrag zur Eindämmung des aktuellen Coronavirus-Ausbruchs zu leisten“, ergänzt Yifang Wu, Präsident und CEO von Fosun Pharma. Man freue sich auf die Zusammenarbeit mit BioNTech, einem „der weltweit führenden Unternehmen im Bereich mRNA-Therapeutika.“ Tatsächlich arbeitet das deutsche Unternehmen bereits mit einer ganzen Reihe großer Pharmakonzerne zusammen. Darunter sind internationale Größen wie Bayer, Pfizer und Sanofi. Im Oktober 2019 gab BioNTech sein Debüt an der New Yorker Nasdaq. Seit dem Börsengang hat sich der Kurs fast verachtfacht. Allein in der letzten Woche, als die Verschärfung der Corona-Krise in Europa offenbar wurde, kletterte der Preis in der Spitze auf beinahe 100 EUR pro Anteilsanschein. Alleine seit Montag haben sich die Kurse fast verdreifacht.

Deutlich mehr Private Equity Produkte in China

Private Equity Symbolbild
Quelle: Adobe Stock © ra2 studio

In den ersten beiden Monaten des Jahres 2020 haben die chinesischen Behörden mit 2.340 Neuzugängen deutlich mehr Private Equity Produkte (PE) registriert. Dies entspricht einem Anstieg um rund 83% gegenüber dem Vorjahreszeitraum wie neuesten Daten der Asset Management Association of China (AMAC) zeigen. Der Verband weist für das Jahr 2019 insgesamt mehr als 24.000 PE-Fondsverwaltungsgesellschaften im Reich der Mitte aus. Die AMAC besteht seit 2012 und vertritt als Selbstregulierungsorganisation die chinesische Investmentfondsbranche. Insgesamt wuchs das Geschäft mit der Vermögensverwaltung in China in den letzten Jahren deutlich langsamer. Grund ist, dass die Behörden Vorschriften verschärft haben, um die Risiken von Vermögensverwaltungsprodukten einzudämmen.

Dies wurde noch einmal durch den Umstand verstärkt, dass Peking die Finanzmärkte des Landes zunehmen öffnet. In solch einer Phase nutzt die Regierung erfahrungsgemäß ihre regulatorischen Möglichkeiten stärker, um Risiken zu minimieren. Gleichzeitig sammelt sie Erfahrungen im Umgang mit der neuen Situation. Da nun auch ausländische Unternehmen zunehmend Zugang zu diesem Marktbereich haben, steht diese Entwicklung besonderes im Fokus. Entsprechend sind die Behörden bestrebt, alle regulatorischen Zügel fest in der Hand zu behalten.

Deutlicher Rückgang in Chinas Außenhandel

Quelle: bluelightpictures (pixabay.com)

In den ersten beiden Monaten dieses Jahres ging der chinesische Außenhandel um 11% gegenüber dem Vorjahr auf 592 Mrd. USD zurück, wie die chinesische Zollverwaltung (GCA) mitteilte. Zurückzuführen ist der Rückgang in erster Linie auf den Ausbruch des Coronavirus Ende des vergangenen Jahres in Wuhan. Die Exporte gingen im Berichtzeitraum gegenüber dem Vorjahr um 17,2% auf 292,5 Mrd. USD zurück, während die Importe nach Angaben der GCA um 4% auf 299,5 Mrd. USD fielen.

Insgesamt konstatiert die CGA ein Handelsbilanzdefizit von 7,09 Mrd. USD, während im Vorjahreszeitraum noch einen Handelsüberschuss von 41,5 Mrd. USD verzeichnet werden konnte. Entgegen dem Abwärtstrend stieg Chinas Handel mit den ASEAN-Ländern um 2% und das kombinierte Handelsvolumen mit Ländern entlang der Belt & Road Initiative legte um 1,8% gegenüber dem Vorjahr zu. Chinas Handelsumsätze mit der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten und Japan hingegen fielen um 14,2%, 19,6% beziehungsweise 15,3% in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020.

Fosun-Tochter übernimmt Traditionsbank

Quelle: Arminia~commonswiki

„Durch die Übernahme werden wir zu einer der führenden Privatbanken in Deutschland“, stellt der Vorstandschef von Hauck & Aufhäuser, Michael Bentlage, fest. Die nach dem Zusammenschluss entstehende Bank wird ca. 1.400 Angestellte beschäftigen und eine Bilanzsumme von rund 10 Mrd. EUR (ca. 78,3 Mrd. CNY) ausweisen. Das direkt verwaltete Vermögen wird sich auf etwa 35 Mrd. EUR belaufen und das „administrierte Vermögen“, darunter fallen für Fonds und andere Drittparteien verwaltete Gelder, soll rund 135 Mrd. EUR umfassen. Ein neuer Name für das so entstehende Bankhaus ist noch nicht beschlossen worden, allerdings sollen die Namen beider Traditionshäuser auch in der neuen Marke erhalten bleiben.

Verkäufer des Bankhauses ist der Oetker-Konzern, der das Traditionshaus seit 1990 zu 100% kontrollierte. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll er bei 200 – 300 Mio. EUR liegen, was laut Branchenstimmen angesichts von rund 19 Mrd. EUR von Lampe verwaltetem Vermögen im Jahr 2018 durchaus günstig wäre. Allerdings war Hauck & Aufhäuser wohl der letzte verbliebende Bieter, nachdem unter anderem die Bethmann Bank, ABN Amro und die deutsch-französische Privatbank Oddo BHF als mögliche Käufer der Bielefelder nach und nach abgesprungen waren. Die Transaktion wird Bentlage zufolge wohl erst im kommenden Jahr komplett abgeschlossen sein, da die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Übernahme erst prüfen und genehmigen muss. Das entsprechende Inhaberkontrollverfahren, das alle Anteilseigner durchlaufen müssen, wird sich wenigstens über 12 Monate hinziehen.

Mit der Übernahme von Lampe bleibt Fosun, das größte private Konglomerat der Volksrepublik, in Deutschland auf Expansionskurs. Neben Hauck & Aufhäuser gehört dem Mischkonzern aus Shanghai die Modemarke Tom Tailor und man ist an der Versicherungsplattform Frankfurter Leben beteiligt. Darüberhinaus betreibt Fosun in Deutschland einen Innovationshub für StartUps aus dem FinTech-Sektor. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass der Hauck & Aufhäuser-Chef bereits die Möglichkeit weiterer Zukäufe andeutete, wenn die Integration von Lampe komplett abgeschlossen ist. Die Kerngeschäftsfelder der neuen Bank sieht Bentlage vor allem in der Vermögensverwaltung, dem Geschäft mit vermögenden Privatkunden sowie im Investmentbanking.

Hapag Lloyd verbindet Tianjin mit Nordeuropa

Hapag Lloyd Contanerschiff
Quelle: AdobeStock © travelview

Das deutsche Transport- und Logistikunternehmen Hapag Lloyd AG betreibt seit dieser Woche eine direkte Verbindung zwischen Tianjin und Nordeuropa wie die chinesische Niederlassung des Hamburger Unternehmens verkündete. Die neue Linie dürfte für ein weiteres Anwachsen der Warenströme aus Tianjin nach Europa sorgen. Ebenso werden mehr Waren aus Europa Tianjin und die dahinterliegenden Regionen direkt erreichen.

Der Hafen von Tianjin ist der größte in Nordchina und das wichtigste maritime Tor nach Peking sowie insgesamt ein wichtiger Transporthub für die Region Peking-Tianjin-Hebei. Mit 16 Mio. umgeschlagenen Containern (TEU) war er im Jahr 2018 der siebtgrößte Hafen Chinas und weltweit die Nummer 9. Für das Jahr 2019 verzeichnete der Hafen laut der Betreibergesellschaft Tianjin Port Group Co. ein Wachstum von 8,1% gegenüber dem Vorjahr.

Tencent will Standort Frankfurt massiv ausbauen

Frankfurter Skyline
Quelle: Adobe Stock, © Mojolo

Tencent wächst am Standort Frankfurt. „Es ist ein großer Erfolg, dass es gelungen ist, Tencent in der Region anzusiedeln“, freut sich Eric Menges, Geschäftsführer der FrankfurtRheinMain GmbH (FRM). „Damit baut die Region ihre Rolle als führender Standort asiatischer Unternehmen in Europa weiter aus. Zudem zeigt diese Ansiedlung auch ganz deutlich, dass die Region als Basis für Unternehmen aus dem IT- und Internetbereich hervorragend aufgestellt ist.“ Tencent Cloud Europe GmbH, ein Tochterunternehmen der Tencent Holding, eröffnet nun sein Europa-Büro in Frankfurt. Die Ansiedlung wurde von FRM in Abstimmung mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Frankfurt unterstützt.

Tencent wurde im Jahr 1998 in der chinesischen Stadt Shenzhen gegründet. Heute ist es das größte Internetunternehmen Chinas und darüber hinaus einer der wertvollsten Konzerne der Welt. Bekanntestes Produkt dürfte die Anwendung „WeChat“ sein, die aus dem digitalen Leben der Chinesen nicht mehr wegzudenken ist. Die App vereint Funktionen von Social Media Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram und vielen mehr in sich. Darüber hinaus lassen sich in ihr Lokalisierungs- und Bestelldienste nutzen. Jenseits davon ist Tencent ein globaler IT-Serviceanbieter, der zu den weltweit führenden Entwicklern neuer Anwendungen wie Internetsicherheit, künstliche Intelligenz, Verarbeitung großer Datenmengen und digitaler Bezahlsysteme gehört – die in WeChat integrierte Bezahlfunktion allein hat in China einen Marktanteil von rund 40%. Zudem verfügt das Unternehmen über ein riesiges Portfolio von über 700 Beteiligungen, darunter den Autohersteller Tesla, die Spieleschmiede Activision Blizzard und die Rabattwebseite Groupon. Im Jahr 2017 begann Tencent damit, Rechenzentren auch außerhalb Chinas betreiben.

Tencent in Frankfurt

Tatsächlich ist das Unternehmen auch seit damals bereits in der hessischen Mainmetropole vertreten. In Kooperation mit dem niederländischen IT-Dienstleister Interxion eröffnete Tencent im Juni 2017 dort sein erstes europäisches Rechenzentrum, anfangs mit bescheidenen 20 Angestellten. Nun allerdings wollen die Chinesen den Standort deutlich ausbauen. 2.000 – 3.000 Arbeitsplätze will man in der Region schaffen und rund 3 Mrd. EUR investieren in Deutschland schaffen. Den deutschen Markt hat der Konzern als einen der vielversprechendsten für seine Cloud-Dienstleistungen ausgemacht, denn die unvermeidliche Digitalisierung werde die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen weiter vorantreiben, wie der Europachef von Tencent, Shiwei Li, gegenüber dem Handelsblatt erklärte.

Gerade für die exportorientierte deutsche Industrie sind Lösungen hochattraktiv, die Geschäfte mit Industriekunden und Partnern in China und dem Rest der Welt vereinfachen und beschleunigen. Zudem bietet Tencent seinen Partnern und Kunden Zugang zur Infrastruktur und dem riesigen Ökosystem des Unternehmens: Mehr als 1,1 Milliarde Menschen nutzen die sozialen Netzwerke und Unterhaltungsplattformen des Konzerns. Unlängst konnte Tencent den deutschen Premiumautobauer BMW unter anderem mit der Aussicht, diese Nutzer direkt ansprechen zu können, als Partner gewinnen. BMW nutzt WeChat nun für maßgeschneiderte Werbung und direkte Interaktion mit seinen Kunden. Zukünftig wollen die Münchner die App sogar ohne Umwege in ihre Automodelle integrieren. Noch wichtiger ist vermutlich der gemeinsame Bau eines Computerzentrums in Tianjin. Dort soll vor allem an Lösungen im Bereich des Autonomen Fahrens gearbeitet werden soll.

Cloud-Anbieter unter Beobachtung

Neben der Attraktivität der europäischen Märkte gibt es aber noch weitere Gründe für das nun massiv verstärkte Engagement des chinesischen Konzerns in Europa. Die strikten und immer weiter verschärften EU-Regularien in Sachen Datenschutz machen es notwendig, eine starke Präsenz vor Ort zu haben. Denn nur wenn diese Regularien genau beachtet und eingehalten werden, kann Tencent die Zugänge zu seinen Spieleplattformen sowohl für potentielle neue „Gamer“ als auch für die europäischen Spieleentwickler weiterhin schnell und unkompliziert halten. Schließlich spielt auch das wachsende Misstrauen der europäischen Regierungen, nicht zuletzt der deutschen, gegenüber den Chinesen eine Rolle. Die Bundesregierung verschärfte Ende 2018 die Regularien für ausländische Investitionen deutlich. Die Liste der besonders sensiblen Industriezweige weist Cloud-Computing-Dienste klar als einen Schlüsselsektor aus. Die Schaffung von Arbeitsplätzen und Investitionen in Milliardenhöhe vor Ort sind daher auch gute Argumente gegen die Sorgen der europäischen Regierungen.

AFFiRiS erhält Patent für Parkinson-Medikament in China

Parkinson-Animation
Quelle: Adobe Stock

Das in Wien ansässige Biotechunternehmen AFFiRiS hat in China ein Patent für sein Parkinson-Medikament erhalten. AFFiRiS sind auf die Entwicklung von spezifischen, aktiven Immuntherapien (SAIT) spezialisiert, die das körpereigene Immunsystem gezielt zur Bekämpfung von Krankheiten nutzen. Im Prinzip entspricht die Therapie einer Impfung, wie sie auch bei anderen Krankheiten eingesetzt wird. Mittels toten oder abgeschwächten Lebenderregern wird das Immunsystem für die jeweilige Krankheit sensibilisiert. Insbesondere in der Krebstherapie werden seit Jahren derartige Ansätze erforscht, weil sie weniger toxische Nebenwirkungen verursachen als herkömmliche Heilungsansätze wie beispielsweise die Strahlen- oder Chemotherapie. Bei seinen Forschungen konzentriert sich AFFiRiS allerdings auf neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer oder eben Parkinson.

Für die Frühbehandlung von Parkinson wurde den Wienern nun vom chinesischen Patentamt, der Chinese National Intellectual Property Administration (CNIPA), ein Patent verliehen. Dieses deckt eine bestimmte Gruppe sogenannter AFFITOPEs ab. Dabei handelt es sich um bestimmte, von AFFiRiS entwickelte Aminosäuresequenzen. Darunter ist auch AFFITOPE® PD01, das AFFiRiS als besonders vielversprechend für die Frühbehandlung von Parkinsonpatienten identifiziert haben. Dies ist ein synthetisch hergestelltes Peptid, welches das Protein alpha-synuclein (aSyn) imitiert. So fungiert PD01 als „Impfstoff“, der es dem körpereigenen Immunsystem erlauben soll, Antikörper gegen aSyn zu bilden. Bereits Ende der 1990er Jahre haben Forscher entdeckt, dass das Protein aSyn bei mehreren pathogenen Prozessen eine wichtige Rolle spielt, darunter dem Ausbruch und dem weiteren Voranschreiten der Parkinson-Krankheit. Das Patent beinhaltet darüber hinaus auch die hinter AFFITOPE® stehenden Technologien und Anwendungsformen.

Ausweitung des IP-Schutzes

AFFiRiS hält für PD01 bereits Patente in der EU, den USA, Südkorea, Japan, Kanada und Australien. Insofern ist das neue chinesische Patent vor allem ein Schritt, der den Schutz des geistigen Eigentums von AFFiRiS geographisch ausweitet. Das stellt auch Dr. Noel Barrett, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens fest: „Das neue Patent stärkt die Position unseres vielversprechendsten Kandidaten PD01 weiter. Vor allem wird es unser weiteres Wachstum in dem hochattraktiven chinesischen Markt unterstützen und sichern.“ Nachdem die US-amerikanische Food & Drug Administration (FDA) jüngst die Erlaubnis für klinische Phase-2 Studien erteilte, planen die Wiener, in der zweiten Jahreshälfte damit zu beginnen.

Ein Virus geht um die Welt

Pandemic virus and Medicine pills antiviral drug corona virus concept. Vector illustration design.

Die weltweite Verbreitung von nCoV-2019 scheint kaum mehr aufzuhalten zu sein. Für die Weltwirtschaft zeichnen sich mehr und mehr hohe Kosten ab. Und nicht nur Schlüsselindustrien wie Automobil, Touristik oder Luftverkehr sind davon betroffen.

Als im November 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong verstärkt atypische Lungenentzündungen auftraten, war bald klar, dass es sich um eine neue Form einer Viruserkrankung handeln musste. Die Krankheit wurde unter dem Namen SARS (severe acute respiratory syndrome) bekannt. Rund acht Monate hielt SARS die Welt in Atem. 8.096 Personen wurden infiziert, 774 Menschen starben. 33 Länder auf allen fünf Kontinenten waren betroffen. Beispielsweise in Südchina und Hongkong wurden Schulen und Universitäten geschlossen. Die wirtschaftlichen Folgen waren beachtlich: In Singapur etwa brach der Tourismus zwischenzeitlich um 70% ein. Der Stadtstaat wertete seine Währung ab und brachte Hilfsprogramme auf den Weg. Ähnlich sah es in Hongkong aus. Hier rutschte die Wirtschaft gar in eine Rezession. Insgesamt verursachte die Pandemie in Asien Kosten in Höhe von rund 20 Mrd. USD.

Relative Gelassenheit

Allerdings erholte sich die Wirtschaft mit dem Abklingen der Krankheit im 2. Quartal 2003 auch wieder relativ schnell. Die meisten Umsatzeinbußen blieben temporär. Auch die Börsen legten im Jahr 2003 deutlich zu. Der Dax beispielsweise markierte zwar seinen Tiefpunkt wärend der Pandemie am 12. März bei rund 2.200 Punkten, stieg dann aber bis zum Jahresende auf 3.985. Insofern sieht  man beispielsweise beim Investmenthaus FERI vorerst keinen Grund, die Erwartung einer weltwirtschaftlichen Erholung in diesem Jahr über Bord zu werfen. Dort präferiert man derzeit folgendes Szenario (mit einer mehr als 50%igen Wahrscheinlichkeit): „Die Verbreitung des Corona-Virus bremst die wirtschaftliche Dynamik in China. Bereits jetzt ist absehbar, dass das BIP-Wachstum im ersten Quartal 2020 aufgrund der Epidemie deutlich unter die 5%-Marke rutschen wird. Wenn die Epidemie bald unter Kontrolle gebracht wird, sollte sich der negative Effekt insgesamt aber in Grenzen halten“, stellt FERI-Chefvolkswirt Axel D. Angermann fest. Im Falle eines Negativszenarios mit einer länger andauernden Epidemie wäre eine spürbare weltwirtschaftliche Abschwächung denkbar, auch wenn dann mit deutlichen Interventionen der chinesischen Führung und der Zentralbank (PBoC) zu rechnen wäre.

In der Tat hat Yi Gang, Chef der PBoC, bereits kräftige Maßnahmen ergriffen: Die Zinssätze für kurz laufende Rückkaufgeschäfte wurden um jeweils zehn Basispunkte gesenkt, und insgesamt stellte Gang dem chinesischen Bankensystem 1,7 Bio. CNY (ca. 156 Mrd. EUR) an kurzfristiger Liquidität für günstige Unternehmenskredite zur Verfügung. Darüber hinaus wurden 72 Mrd. RMB (ca. 9,2 Mrd. EUR) zur Epidemiebekämpfung bereitgestellt. Betriebe im Medizinsektor erhalten Stützungskredite. Banken sollen ausstehende Kredite an notleidende Firmen nicht fällig stellen. Staatliche Zuschüsse bei Kurzarbeit werden aktuell diskutiert.

Kein Vergleich zu SARS

Bereits diese Maßnahmen zeigen, dass der Ausbruch von COVID-19 – so der offizielle Name der vom Coronavirus 2019-nCoV verursachten Krankheit – nur bedingt mit seinem SARS-Pendant zu vergleichen ist. Damals trug die chinesische Volkswirtschaft gerade einmal 4,5% zum weltweiten Bruttosozialprodukt bei; heute sind es rund 17%. Darüber hinaus ist die Volksrepublik nun viel enger mit dem Rest der Welt verflochten, und das Land zeichnete damals eine ungeheure Dynamik aus. Wachstumsraten von +10% und mehr waren über Jahre hinweg normal. Im vergangenen Jahr hingegen konnte mit Müh’ und Not ein Wachstum von 6% erreicht werden. Auch ist die Verschuldungssituation eine andere: Heute zählt China, bezieht man die Schulden der Unternehmen und der privaten Hände mit ein, zu den am höchsten verschuldeten Gesellschaften der Welt.

Auch die Weltwirtschaft war in einem anderen Zustand: Im Frühjahr 2003 blickte man auf eine fast dreijährige Baisse zurück, die das Platzen der New-Economy-Blase ausgelöst hatte. Die westlichen Gesellschaften steuerten massiv gegen, und ab Anfang 2003 zeigte dies Wirkung. Insbesondere die USA hatten aggressiv die Vergabe von Immobilienkrediten angekurbelt, um der Krise Herr zu werden. Heute hingegen blicken wir auf einen langen weltweiten Aufschwung zurück, der allerdings mancherorts zu erlahmen droht: Im vergangenen Jahr schrammte die europäische Wirtschaftslokomotive Deutschland nur um Haaresbreite an einer Rezession vorbei. Die Eurozone hat ihre institutionelle Krise nach wie vor nicht überwunden und wird nun zusätzlich durch das Ausscheiden der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt, des Vereinigten Königreichs, geschwächt.

Beispiellose Maßnahmen

Vor allem aber ist die Reaktion der chinesischen Behörden auf die Epidemie eine völlig andere. Das Epizentrum des Ausbruchs, die Stadt Wuhan, und vier weitere Millionenstädte in der Provinz Hubei wurden unter vollständige Quarantäne gestellt, fast alle Ortschaften sind abgeriegelt. In vielen Provinzen bestehen einschränkende Reiseregeln, oftmals ist der Übertritt in eine andere komplett untersagt. Die Ferien zum Frühlingsfest wurden für Unternehmen um wenigstens eine Woche verlängert. Für Unternehmen, aber auch für Siedlungen bestehen zahlreiche Überwachungs- und Dokumentationspflichten, wie z.B. Temperaturmessungen der Angestellten und Einwohner sowie scharfe Eingangskontrollen. Dazu kommen zahlreiche weitere Maßnahmen und Vorgaben auf regionaler Ebene. „Die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Eindämmung der Infektionen mit dem neuartigen Corona-virus sind ohne Beispiel“, konstatiert denn auch Thomas Weidlich von der Anwaltskanzlei Luther. „Der von Präsident Xi ausgerufene ‚Volkskrieg‘ gegen den Virus hat zu einem teilweisen Stillstand der Wirtschaft geführt.“ VW beispielsweise musste in den gemeinsam mit FAW betriebenen Werken die Produktion einstellen, BMW stoppte die Produktion in seinen Werken in Shenyang bis zum 17. Februar.

Tatsächlich sind die Unternehmen mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert. Der Zwangsurlaub führte notwendigerweise zu einer Unterbrechung der Produktion und damit auch zu Lieferausfällen. Das Bundesgesundheitsministerium warnt beispielsweise bereits vor Engpässen bei gewissen Arzneimitteln und Antibiotika. Selbst nun, da die Arbeit nach und nach wieder aufgenommen wird, ist man von einem normalen Betrieb weit entfernt. Es fehlt an Komponenten – sei es aufgrund von Produktionsausfällen oder aufgrund von logistischen Schwierigkeiten, die beispielsweise durch Quarantänemaßnahmen hervorgerufen werden. Aber es mangelt auch an Arbeitskräften: Viele Arbeiter sind aufgrund der Reisebeschränkungen nicht in der Lage, in ihre Fabriken zurückzukehren. Gerade eine regierungsunmittelbare Stadt wie Shanghai trifft dies besonders, da viele hier Arbeitende in den angrenzenden Provinzen Jiangsu und Zhejiang leben und in die Metropole pendeln.

Deutlich eingeschränkte Wirtschaftsaktivitäten

Wie stark die Einschränkungen tatsächlich sind, lässt sich nur mutmaßen bzw. auf indirektem Weg analysieren. Laut der Investmentbank Morgan Stanley etwa beträgt die Luftverschmutzung in den wichtigsten chinesischen Großstädten wie Shanghai, Guangzhou oder Chengdu aktuell nur 20% bis 50% der jährlichen Durchschnitts, woraus die Investmentbanker folgern, dass in diesen Städten das Produktionsniveau zwischen 50% und 80%(!) unterhalb der tatsächlichen Kapazitäten liegt. Einen weiteren Hinweis auf deutlich eingeschränkte Wirtschaftsaktivitäten gibt der Kohlekonsum. Kohle ist nach wie vor Chinas Energieträger Nummer eins. Während des Neujahrsfests sinkt der Konsum deutlich ab, doch im Anschluss steigt er recht schnell wieder auf normale Niveaus. Nicht so in diesem Jahr: Hier verläuft die Kurve auch noch 15 Tage nach dem Fest flach. Auch die Rohstoffpreise geben ein Indiz für verringerte Wirtschaftsaktivitäten: Die Preise für Kupfer, Zink und Blei sind seit Mitte Januar 2020 deutlich gefallen. Die Internationale Energiebehörde (IEA) erwartet aufgrund der Epidemie einen deut-lichen Rückgang der weltweiten Ölnachfrage. Sie reduzierte ihre Prognose für das Gesamtjahr auf einen Bedarf von 825.000 bpd (Barrel am Tag), also auf 365.000 bpd weniger als ursprünglich angenommen.

AXEL D. ANGERMANN Chefvolkswirt Feri Gruppe

Die Verbreitung des Corona-Virus bremst die wirtschaftliche Dynamik, dennoch sollte sich der negative Effekt insgesamt in Grenzen halten.

 

Die Zwangsferien, Quarantänemaßnahmen und die Kontrollen schränken aber nicht nur die Produktion ein. Schulen (und Kindergärten) bleiben bis Mitte März, mancherorts sogar bis in den April hinein geschlossen. Was dies für jene Schüler bedeutet, die dieses Jahr ihr Gao Kao (vergleichbar mit dem deutschen Abitur) ablegen müssen, kann man sich denken – auch wenn der Unterricht teilweise zumindest online fortgesetzt wird. Insgesamt ist für die Bevölkerung das Alltagsleben massiv eingeschränkt. Gleichzeitig finden die Regierungsmaßnahmen in der Bevölkerung eine breite Zustimmung. Noch sind die meisten Bürger aus finanzieller Perspektive davon auch nicht betroffen – zumindest, solange sie angestellt sind, da hier der Arbeitgeber im ersten Monat der Betriebsschließung das volle Gehalt weiterzahlen muss. In erster Linie sind also Unternehmen und Selbstständige betroffen. Da auch die Banken in den Zwangsurlaub geschickt wurden bzw. nur noch sehr verkürzte Arbeitszeiten haben, können viele Überweisungen – insbesondere ins Ausland – derzeit nicht getätigt werden. In der Folge dürften gerade kleinere in- wie ausländische Unternehmen mit Liquiditätsengpässen konfrontiert sein, wenn der chinesische Kunde die vor dem Frühlingsfest gelieferte Ware nicht bezahlen kann. Ab einem gewissen Zeitpunkt werden diese Zulieferer die Lieferungen einstellen und damit die Produktion weiter belasten.

Kollabierende Lieferketten

Schwer in Mitleidenschaft gezogen werden auch die globalen Lieferketten. Das genaue Ausmaß lässt sich hierbei zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings nicht abschätzen, denn die konkreten Auswirkungen der chinesischen Produktionsausfälle zeigen sich aktuell nur in Ländern in der unmittelbaren Nähe, wie Korea oder Japan. Hyundai beispielsweise musste in einem der weltgrößten Automobilwerke in Ulsan die Herstellung komplett einstellen, weil Kabelstränge fehlten; die Kosten hierfür beliefen sich auf rund 100 Mio. USD pro Tag. Inzwischen ist die Produktion wieder angelaufen, wenngleich auf einem sehr niedrigen Niveau. Für China selbst rechnet der chinesische Verband der Automobilhersteller (CAAM) mit einem Produktionsrückgang um 1 Mio. Fahrzeuge. Besonders betroffen davon werden Honda, General Motors und Dongfeng sein, deren Werke im Krisenzentrum Wuhan stehen. Hinzu kommen viele weitere chinesische Zulieferer, deren Werke stillstehen.

In der EU wird man die Ausfälle erst ab ungefähr Mitte März spüren, wenn die Waren, die aktuell in Containern unterwegs sein sollten, nicht ankommen. Dass auch hier die Aktivität deutlich eingeschränkt ist, zeigt der Baltic Dry Index, der aktuell nur noch etwa 150 Punkte von seinem Allzeittief entfernt ist. Allerdings fällt der Index bereits seit der zweiten Jahreshälfte 2019 – insofern ist COVID-19 nicht der alleinige Grund für die fallenden Fracht-raten. Darüber hinaus arbeiten viele Logistiker nur mehr eingeschränkt: DHL etwa hat den Versand in der besonders betroffenen Provinz Hubei gestoppt, die deutsche Post liefert keine Pakete mehr nach China. Schließlich sind gerade im Luftfrachtbereich auch die Kapazitäten eingeschränkt – zahlreiche Fluggesellschaften wie Lufthansa oder British Airways haben die Flüge bis auf Weiteres eingestellt. Hongkong hat die Zahl der Flüge von und nach China um 50% reduziert. Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) rechnet mit Umsatzeinbußen des Sektors von bis zu 5 Mrd. USD.

Mit den sich einstellenden Lieferausfällen bzw. -verzögerungen ergibt sich auch für viele in- wie ausländische Unternehmen die Frage nach möglichen Schadensersatzverpflichtungen. Natürlich kommt es am Ende immer auf den jeweiligen Vertrag und darauf an, wie Force-Majeure-Klauseln ausformuliert sind, aber in China wird höhere Gewalt als ein Ereignis definiert, das objektiv betrachtet unvermeidbar, unüberwindbar und nicht vorhersehbar ist. „SARS wurde von chinesischen Gerichten als ein Fall höherer Gewalt gewertet, und es gibt wenig Zweifel, dass der Ausbruch des Coronavirus und die Maßnahmen der chinesischen Regierung ebenfalls darunterfallen“, so Anwalt Weidlich. Entsprechend dürften Schadensersatzforderungen wegen verspäteter Lieferung eher aussichtslos sein.

Unabhängig davon werden sich viele Unternehmen nach alternativen Zulieferern umsehen (müssen) – insbesondere wenn nicht absehbar ist, wie lange Lieferausfälle und Produktionseinschränkungen bestehen bleiben. Trotzdem werden die Einschränkungen eine Weile Bestand haben. Auch alternative Zulieferer werden nicht von heute auf morgen liefern können, zumal sie unter Umständen ebenfalls von Produktionsstätten in China abhängig sind. Aus dieser Perspektive dürften gerade westliche Firmen versucht sein, sich breiter aufzustellen und sowohl hinsichtlich der Zulieferer als auch der Produktionsstandorte außerhalb Chinas zu diversifizieren. „Der eigentliche Treiber dafür ist der seit Jahren etablierte Trend zum Protektionismus; allerdings kann der Virusausbruch diese Entwicklung nun beschleunigen“, stellt Feris Chefvolkswirt Angermann fest. US-Handelsminister Wilbur Ross zeigt sich jedenfalls fest überzeugt, dass der Virus Jobs in die USA zurückbringen werde.

THOMAS WEIDLICH Partner Luther

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus sind ohne Beispiel.

Für die Börsen spielte das Virus lange Zeit keine Rolle – Einzeltitel mit besonderem Chinabezug wie beispielsweise Daimler Benz ausgenommen. Erst am 24. Februar kam es zu einer scharfen Korrektur, als sich abzeichnete, dass Italien ein neuer Brennpunkt werden könnte und es das Virus damit endgültig nach Europa geschafft hat. Allerdings muss man auch sehen, dass die Börsen in New York, Frankfurt und Co. im Januar neue Allzeithochs markiert hatten. Angesichts einer gerade in Europa eher durchwachsenen Wirtschaftslage darf man daher durchaus eine gewisse Überbewertung der Kurse konstatieren. Gut möglich, dass das Virus der Katalysator ist, mittels dessen nun diese Überbewertungen abgebaut werden. Aber eine Korrektur ist kein Crash. Davon abgesehen, scheinen die Zahlen so bedrohlich eigentlich nicht. Natürlich ist jeder Verlust eines Menschenlebens tragisch. Allerdings sind rund 88.300 Infizierte und 2.858 Tote weltweit (Stand 28.02.2020 Quellen: WHO, Johns Hopkins University) nicht die Neuauflage der Antoninischen Pest. Laut Robert Koch Institut starben bei der letzten schweren Grippewelle in den Jahren 2017/2018 über 25.000 Menschen – alleine in Deutschland.

Fazit

Letztlich ist entscheidend, wann die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht. Dies lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Redaktionsschluss 28.2.2020) nicht einschätzen. Während in China sich die Kurve der Neuinfizierten mehr und mehr abflacht, scheinen sich nun Italien und weitere europäische Länder als neue Brennpunkte zu entwickeln. Derzeit gehen Analysten von einer globalen „Wachstumsdelle“ von ca. 2% für das laufende Jahr aus. Diese könnte sich noch deutlich verstärken, je nachdem wie sich die Epidemie in Europa entwickelt und wie die Reaktionen darauf ausfallen. Allerdings steht nichtsdestotrotz auch zu erwarten, dass ausgefallene Produktion und ausgelassener Konsum nach dem Ende der Epidemie wieder kompensiert werden. Auch wenn aufgrund der eingeschränkten Reisetätigkeit geschäftliche Beziehungen leiden, scheint Panik für deutsch-chinesische Investmentprozesse nicht angebracht. Im Gegenteil: Es wird gerade im Gesundheitsmarkt neue Chancen und Wege der Zusammenarbeit hervor bringen.

 

Chinesischer Hersteller Ninestar beteiligt sich an tonerdumping.de

Bildquelle: G&G

Ninestar ist einer der weltgrößten Hersteller kompatibler Druckerpatronen. Daneben vertreibt das Unternehmen mit Sitz im südchinesischen Zhuhai auch Laserdrucker und produziert Komponenten für die Herstellung von Tonerkartuschen und Druckerpatronen. Unter der Eigenmarke G&G vertreibt der chinesische Konzern seine Produkte weltweit. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000 vom aktuellen CEO Jackson Wang gegründet und verzeichnete im Jahr 2018 einen Umsatz von 25,8 Mrd. CNY (ca. 3,3 Mrd. EUR). Zu dem Konzern gehören unter anderem auch die Marken Seine Holland B.V. und Lexmark.

Die tonerdumping.de Orth & Baer GmbH hat Daniel Orth 2003 in Berlin gegründet. Das Unternehmen vertreibt Tonerkartuschen, Druckerpatronen, sonstiges Druckerzubehör und Büroartikel sowohl online als auch offline. Heute verfügt das Unternehmen über ein dichtes Vertriebsnetz mit 20 Niederlassungen in Deutschland, von denen einige als Franchiseunternehmen betrieben werden.

Ninestar hält künftig 24% an tonerdumping.de. Die Investiton hat das Hongkonger Tochterunternehmen Ninestar Image Tech Limited im Zuge einer Kapitalerhöhung der tonerdumping.de getätigt. Über die genaue Summe, die Ninestar für die Beteiligung zahlte, vereinbarten beide Partner Stillschweigen. Die strategische Kooperation der Unternehmen soll für eine win-win Situation zwischen den Partnern sorgen: Mit Ninestar an seiner Seite hat tonerdumping.de einen deutlich besseren Zugriff auf Druckerprodukte aus China, während Ninestar mit tonerdumping.de über eine ideale Plattform verfügt, um erfolgreich am deutschen Markt für Druckerzubehör Fuß zu fassen.
Begleitet hat das Investment das Frankfurter Büro der internationalen Wirtschaftskanzlei King & Wood Mallesons (KWM).

Bosch setzt auf Autonomes Fahren

Bildquelle: Bosch

„UISEE ergänzt als einer der führenden Lösungsanbieter für automatisiertes Fahren in China das wachsende Portfolio von RBVC und eröffnet Bosch auf diesem Fachgebiet vielfältige Kooperationsmöglichkeiten“, erklärt Dr. Ingo Ramesohl, Geschäftsführer von RBVC, angesichts des getätigten Investments. UISEE wurde im Jahr 2016 von dem KI-Veteranen und ehemaligen Leiter von Intel China Gansha Wu in Peking gegründet. Der Name steht als Akronym für „Utilization, Indiscriminate, Safety, Efficiency, and Environment“. Bereits zwei Jahre nach seiner Gründung stieg das Unternehmen im Jahr 2018 in die illustre Riege der chinesischen „Unicorns“ auf, erzielte also eine Bewertung von mehr als 1 Mrd. USD.

UISEE hat bereits einige Meilensteine im Bereich des automatisierten Fahrens setzen können. Beispielsweise installierte das Unternehmen während der China Airport Service Conference 2017 einen fahrerlosen Shuttleservice zwischen dem Terminal und dem Parkplatz von Baiyun International, dem Flughafen der Perlflussmetropole Guangzhou. Die Raffles City in Hangzhou wiederum diente als Teststandort für den Einsatz fahrerloser Fahrzeuge in einem großflächigen integrierten Gewerbeimmobilienumfeld. Hier transportierten die Einheiten von UISEE Passagiere von Gebäuden zum genauen Standort ihrer Autos auf dem Parkplatz. An diesen Beispielen wird bereits deutlich, dass die Pekinger einen etwas anderen Ansatz wählen als die meisten Automobilhersteller. Sie meiden öffentliche Straßen und setzten stattdessen auf die Zusammenarbeit mit Lokalregierungen und Großunternehmen, um ihre fahrerlosen Konzepte in abgeschlossenen Bereichen wie Industrieparks, Flughäfen oder Universitätscampus zu entwickeln und zu testen. Im Januar 2020 gab der Hongkonger Flughafen Chek Lap Kok bekannt, UISEEs Lösungen für automatisiert fahrende Gepäckschlepper erfolgreich erprobt zu haben und sie seit Kurzem für den alltäglichen Gepäcktransport einzusetzen.

UICEE schlüsselfertige Lösungen für automatisiertes Fahren bewegen sich auf Level 4 Niveau. Hier fährt das jeweilige Vehikel vollautomatisiert und kann selbst komplexe Verkehrssituationen selbstständig lösen, allerdings wird auf diesem Level noch ein Fahrer verlangt, der gegebenenfalls eingreifen kann. Level-4 Lösungen stellen die Vorstufe zum vollständig autonomen Fahren dar. „UISEEs hochmoderne Level-4-Plattform ermöglicht die gefragten Effizienzsteigerungen“, nennt Ramesohl dementsprechend auch als einen wichtigen Grund für den Einstieg von Bosch, über den man sich bei UISEE sehr erfreut zeigt: „Wir freuen uns daher sehr, dass uns das führende Technologieunternehmen unterstützt“, betont Wu, Gründer und CEO von UISEE. „Die Investition und Zusammenarbeit werden uns dabei helfen, Produkte und Services weiterzuentwickeln und Kunden in aller Welt zu bedienen.“

Über die Höhe der Investitionssumme beziehungsweise die erworbenen Anteile gibt es derzeit keinerlei Verlautbarungen von beiden Unternehmen. Neben RBVC sind auch Sinovation Ventures, Shenzhen Capital und China International Capital Corporation als Investoren an UICEE beteiligt.