Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH: Neustart mit chinesischem Investor

Der Maschinenbauer aus Sachsen-Anhalt hat wieder eine Perspektive: Im September 2019 übernahm Shandong Guochuang Wind Power Equipment (AGC) das Unternehmen aus Aschersleben. Ein Teil der ehemaligen Mitarbeiter soll erneut beschäftigt werden.

SCHIESS Werkzeugmaschinenfabrik GmbH: Neustart mit chinesischem Investor

Shandong Guochuang zählt zu den größten Handform-Gießereiunternehmen Chinas und der Welt. Der Mittelständler fertigt Gussteile für Windkraftanlagen, wofür spezielle Werkzeugmaschinen notwendig sind. „Dank der Übernahme durch den chinesischen Investor bleiben Know-how und Produktion am Standort Aschersleben erhalten“, freut sich Insolvenzverwalter Prof. Dr. Lucas Flöther, der den Deal einfädelte. „Eine sehr gute Nachricht ist, dass Shandong Guochuang einen bedeutenden Teil der Mitarbeiter von Schiess wieder einstellen will.“

Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH Vertimaster VMG 6
Eine Schiess Vertimaster VMG 6 für Werkstücke bis 600 Tonnen Gewicht.

Weltweiter Kundenkreis

Die Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH entwickelt und fertigt Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen. Diese werden als Werkzeuge von Produzenten benötigt, die damit z.B. Windkrafträder oder Turbinen herstellen. „Wir fertigen für einen internationalen Kundenkreis“, erläutert Dr. Ulrich Minkner, der als Angestellter des chinesischen Mutterkonzerns die Produktion unterstützt. „Unsere Kunden kommen aus Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Energiesektor, Transportwesen und Bergbau.“

Der Maschinenbauer Schiess blickt auf eine über 160 Jahre lange Tradition zurück, hatte aber immer wieder mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Seit 2004 gehörte das Unternehmen zum chinesischen Konzern Shenyang Maschine Tool Group (SMTCL).

Mitarbeiter werden wieder eingestellt

„Mit Shenyang Machine Tool war eigentlich geplant, Werkzeugmaschinen mit deutschem Engineering für den chinesischen Markt zu designen“, so Dr. Minkner. „Wegen organisatorischer Schwierigkeiten wurde dieses Konzept aber nicht umgesetzt.“ Denn ein Großteil der entwickelten Prototypen konnte in Sachen technischer Stand und Produktionskosten nicht die Anforderungen erfüllen, die der Mutterkonzern aufgestellt hatte. Da die Kosten aus dem Ruder liefen und der Gesellschafter keine Gelder mehr in die Sanierung investieren wollte, mussten die Ostdeutschen im Januar 2019 Insolvenz anmelden. Nach der Insolvenzeröffnung im April 2019 fand Prof. Dr. Flöther zunächst keinen neuen Investor, sodass der Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb stilllegen und fast allen Mitarbeitern kündigen musste – mit Ausnahme eines kleinen Teams für die letzte Produktion. Aktuell sind 63 Mitarbeiter unter der Geschäftsführung von Herrn Xin Ma bei Schiess beschäftigt; auf längere Sicht soll die Personalstärke wieder bei 80 bis 100 liegen.

SCHIESS Werkzeugmaschinenfabrik GmbH wagt Neustart mit Shandong Guouchang

Werkzeugmaschinen für Windenergieanlagen

Einen Retter zu finden war nicht einfach; verschiedene M&A-Berater stellten dann aber den Kontakt zu Shandong Guochuang her. „Die Windenergiesparte ist ein weltweit boomendes Geschäft und benötigt dafür eine große Anzahl von Bearbeitungsmaschinen“, erläutert der Investor Herr Fan. Die größten Klassen der Windenergiekonverter werden allerdings für die Werkzeugmaschinenbauer immer aufwendiger. „Unsere Maschinen lassen sich besonders im Multi-Megawattbereich sehr komfortabel einsetzen.“ Shandong Guochuang will solche großen Werkzeugmaschinen bei Schiess unter anderem für das eigene Haus bauen, um damit Komponenten für die größten Windenergieanlagen der Welt herzustellen.

Viel Erfahrung mit internationalen Playern

Aufgrund der internationalen Erfahrung mit Kunden wie Siemens Dänemark, Siemens USA, Siemens Deutschland, Hitachi, Vestas, aber auch Envision und Goldwind ist bei Shandong Guochuang umfangreiches Know-how mit ausländischen Partnern vorhanden. Durch zahlreiche Businesstrips zu europäischen Maschinenbauern in den vergangenen Jahren sind im Konzern auch die europäischen und internationalen Gepflogenheiten im Geschäftsleben bekannt. „Die interkulturelle Zusammenarbeit beschränkte sich aber nur auf die Gestaltung von Rechtsgeschäften wie die Übernahme oder Neugründung von GmbHs sowie die Bewertung von Assets und Vermögensgegenständen“, berichtet Dr. Minkner. Bei der Übernahme von Schiess als reinem Asset Deal wurden zunächst alle arbeitsrechtlichen Bedingungen geklärt, dann der Kaufpreis verhandelt und schließlich ein detaillierter Kaufvertrag formuliert. „Die kompetente Zusammenarbeit des engagierten Insolvenzverwalters mit den beteiligten Geschäftspartnern hat dazu beigetragen, dass trotz des späten Einstiegs von Shandong Guochuang ein sehr einvernehmlicher Vertrag zustande kam“, freut sich Herr Fan.

Porträt Dr. Ulrich Minkner
Dr. Ulrich Minkner, Quality Director bei Guochang Wind Power seit 2015 und in der Produktion bei Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH.

Standort Aschersleben bleibt erhalten

Für Schiess bedeutet die Übernahme durch Shandong Guochuang, dass die Zerschlagung der Betriebsstätte am Standort Aschersleben verhindert werden konnte und die traditionsreiche Maschinenbaukompetenz erhalten bleibt. „Der Fortbestand des Betriebs wird durch den Bau von Werkzeugmaschinen mit Einkaufsvolumina von rund 5 Mio. EUR zwischen 80 bis 100 Arbeitsplätze im Harzvorland sichern“, sagt Geschäftsführer Ma. Die Rettung des Standorts in Ostdeutschland bedeutet zudem, dass das Konzept der Lohn-Fertigung, Fertigung, Montage, Konstruktion und Servicekompetenz in einer Einheit fortgesetzt wird.

Weitere innovative Projekte

Im Zentrum der Zusammenarbeit sollen künftig die Werkzeugmaschinen vom Typ Gantry stehen, mit denen Shandong Guochuang besonders große Gusskomponenten für Windkraftanlagen herstellen kann. „Wegen ihrer Größe und dem besonderen Know-how können sie auch für andere internationale Kunden attraktiv sein“, berichtet Dr. Minkner. Gemeinsam soll in Zukunft auch die Produktion von Bohrwerken durchgeführt werden. „Außerdem werden die kleineren Bearbeitungszentren vom Typ Ascarapid weiterentwickelt“, weiß er. Für Guochuangs Kunden befinden sich zudem jeweils Maschinen zur Bearbeitung von Nuklearkomponenten und von Turbinentechnik in Planung. Nicht zuletzt sollen Synergien und Know-how-Gewinn zwischen beiden mittelständischen Unternehmen auf diesen Gebieten erfolgen:

  • Herstellung von handwerklich anspruchsvollem Handformguss,
  • Montage- und Inbetriebnahme,
  • Arbeit mit Bestandskunden sowie
  • Elektronik, Software und Maschinenprogrammierung.
Schiess Werkzeugmaschinenfabrik Retrofit
Retrofit von Anlagen in der Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH

 Ausblick

Auch dieser Fall zeigt, dass deutsche Maschinenbauer selbst bei schwierigen Sanierungen nach wie vor mit chinesischen Investoren rechnen können. Durch die Übernahme erhält das traditionsreiche Unternehmen in den nächsten Jahren genügend Aufträge, um seinen Hauptsitz und bis zu 100 Arbeitsplätze zu erhalten. Shandong Guochuang beschert der Deal indes ein eigenes Produktionswerk für Werkzeugmaschinen, die Teile für riesige Windenergieanlagen herstellen können. Das ist jedoch keine Garantie dafür, dass die Rettung dauerhaft sein wird. Das Beispiel zeigt nämlich auch, dass die Ansprüche der Chinesen mit den eigenen Erfolgen steigen: Sowohl bei der Technologie als auch bei den Kosten werden immer höhere Maßstäbe gesetzt. Nur wenn Schiess Werkzeugmaschinenfabrik GmbH diese erfüllen kann und will, wird sich das Investment auch für Shandong Guochuang lohnen.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Vereinfachtes Chinesisch