„Should I stay or should I go?“*

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Kaum denkbar, dass die britische Punkrockband The Clash Ende 1981 an China dachte, als sie ihr Album mit dem Song „Should I stay or should I go“ veröffentlichte! Gleichwohl ist die Frage im Zusammenhang mit China mehr als aktuell. Ausgelöst durch den chinesischen Lockdown wie auch durch die anhand der Schiffskollisionen im Suezkanal sichtbar gewordenen Gefahren des Transports und nicht zuletzt durch die Auswirkungen des Ukrainekriegs stellt sich für Unter­nehmer und Investoren die Frage: „China – Bleiben oder Gehen?“

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Vorab: China ist aus unseren Augen viel zu wichtig, als dass es substituiert werden könnte. Decoupling und Diversifizierung hin oder her – bessere Alternativen zum chinesischen Markt mit seinem stetigen Wachstumspotenzial werden sich weder heute noch zukünftig leicht finden lassen. Der Anteil der Mittelschicht in China wird weiter steigen, die Kaufkraft wachsen und zu einer großen Nachfrage führen. Und mit dieser Mittelschicht wird China nicht nur viele Talente, sondern auch Innovationen hervorbringen.

Projected share of 25-34 year-olds with tertiary degree across OECD and G220 countries; Quelle: OECD

China treibt Innovationen voran

Zwischenzeitlich kommen vielerlei innovative Trends aus China, und auch die Talente als Treiber dafür. Der Talentpool, den Chinas Universitäten jedes Jahr hervorbringen, übertrifft den von deutschen und anderen westlichen Ländern bei Weitem. Während im 20. Jahrhundert Deutschland, die USA und andere Industrienationen von ihrem Vorsprung bei der Bildung profitierten, sieht es im 21. Jahrhundert zunehmend anders aus. China hat die USA bei Uniabsolventen bereits 2013 überholt. Etwa 17% aller Hochschulabgänger in den darauffolgenden Jahren waren bereits in China zu finden, verglichen mit 14% in den Vereinigten Staaten und Indien. Ein Blick auf die Prognose 2030 der OECD zeigt zudem die erwartete Dominanz von Chinas Talentpool.

Gut ausgebildete Mitarbeiter sind in China also mehr und mehr vorhanden oder Mitarbeiter können binnen Kurzem vor Ort ausgebildet werden. Gleichzeitig halten sich die Lohnkosten noch im Rahmen, jedenfalls dann, wenn nicht in oder sehr nahe an Ballungszentren produziert wird. Forschungs- und Entwicklungsarbeiten werden vor Ort auf das Großzügigste gefördert – zumindest in wichtigen Schlüsseltechnologiebereichen.

Quelle: https://bzintl.com

Wie sehr Innovation und innovatives Denken in China gefördert werden, zeigt sich auch bei den Patenten. Obwohl in China erst 1985 das erste moderne Patentgesetz in Kraft getreten ist, ist die Volksrepublik heute weltweit der größte Patentanmelder.

Mittlerweile hat China auch die dafür wichtige rechtliche Infrastruktur aufgebaut: Beispielsweise wurde 2014 wurde in Peking die erste auf geistiges Eigentum spezialisierte Justizbehörde geschaffen. 2021 gab es über 18 Gerichte und vier auf geistiges Eigentum spezialisierte Tribunale und insbesondere auch eine Kammer des Obersten Gerichtshofs, die ausschließlich auf Patentangelegenheit ausgerichtet ist.

Besserungen beim Datenschutz

Auch der den Deutschen so wichtige Datenschutz wird im Reich der Mitte nun beachtet und seine Verletzung kann empfindliche Strafen nach sich ziehen. Der chinesische Datenschutz sieht auch einen Schutz von persönlichen Informationen vor. Auf die Einhaltung des Datenschutzes prüfen die Behörden nicht nur ausländische, sondern auch prominente chinesische Unternehmen, z.B. den Fahrdienstleister DiDi. In diesem Fall wohl unvorbereitet, wurden doch zahlreiche Verstöße festgestellt und sanktioniert, etwa das unerlaubte Erfassen und Speichern von Screenshots von Mobilgeräten der Nutzer oder auch die Analyse der Reisepläne der Nutzer ohne deren vorherige Einverständniserklärung.

Quelle: Asia Briefing Ltd.

Hiesige Unternehmen mit Chinabezug gehen oft zu selbstverständlich davon aus, Datenschutz könne nur in Deutschland/der EU gelten, und übersehen so die lokalen chinesischen Bestimmungen.

Und auch beim Thema Bürokratie sollte sich das Verständnis wandeln: Manch einer, der in China die Bürokratie verflucht, wird sich bei seiner Rückkehr nach Deutschland über die vorsintflutliche Digitalisierung der deutschen Amtsstuben entrüsten und verwundert die Augen reiben, wie sich in den letzten 50 Jahren so wenig verändern konnte. Verglichen mit China dürfte Deutschland mittlerweile eher als Entwicklungsland gelten und muss dringend aufholen!

Vorbildliche Infrastruktur

In China kann man die Uhr nach den Zügen stellen, in Deutschland scheinen oft nur die Verspätungen sicher. Das effiziente Bahnsystem steht für die hervorragende Infrastruktur in der Volksrepublik: Flughäfen werden in Rekordzeiten gebaut, das erste eigene moderne chinesische Flugzeug wird demnächst in den regulären Betrieb genommen und E-Mobilität scheint eine chinesische Erfindung zu sein.

Die Investitionen in Infrastruktur sind enorm. Besonders interessant dabei ist für Investoren: Ein großer Teil der Infrastrukturinvestitionen fließt in Industrieparks und Transportinfrastruktur.

Dass deutsche Unternehmen indes bei öffentlichen Aufträgen in China nicht berücksichtigt werden, sollte uns animieren, die Situation genauer zu prüfen und Änderungen herbeizuführen. So könnte man beispielsweise auf politischer Ebene auf Reziprozität drängen, statt China deshalb den Rücken zu kehren!

FAZIT

China ist zu wichtig, als dass man sich dieses Geschäft entgehen lassen dürfte! Die vielen Talente, die hervorragende Infrastruktur und auch die zahlreichen Innovationen bergen auch für unsere Unternehmen große Chancen, daran zu partizipieren. Einzig sie müssen vor Ort sein und aktiv agieren, sonst wird es schwierig, die Gelegenheiten zu ergreifen.

You should stay.

www.roedl.de

* Eine Hommage an Keith Levene, Mitbegründer von The Clash, der am 12. November 2022 verstorben ist.

Mueller-Mathias_Roedl_Experteninterview
Mathias H. Müller
Rödl & Partner

Mathias H. Müller, MBA (University of Chicago) ist Partner und Leiter der China Practice München von Rödl & Partner. Der Steuerberater und Certified Public Accountant (Illinois, USA) begleitet insbesondere mittelständische Unternehmen der DACH-Region in die VR China sowie chinesische ­Unternehmen nach Deutschland. Dafür verfügt er über mehrjährige Erfahrungen in internationalem Steuerrecht, M&A sowie Cross Border Financing mit Schwerpunkten In- und Outbound Investments VR China. Zuvor war Müller an den Standorten Shanghai, Hongkong und Singapur tätig.