Was bedeutet das Corporate Social Credit System für Chinas Geschäftsethik?

Was bedeutet das Corporate Social Credit System für Chinas Geschäftsethik?
Quelle: Adobe Stock; Akarat Phasura

Die herausragende wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahrzehnten viele positive Effekte herbeigeführt. Kehrseite des Bedeutungsgewinns materieller Leitmotive sind Manipulation, Spekulation und ein riesiger grauer Kapitalmarkt. Ist das Corporate Social Credit System geeignet, die Schattenseiten des wirtschaftlichen Erfolgs einzudämmen?

Der Wirecard-Skandal hat 2020 den deutschen Finanzmarkt erschüttert und zieht immer noch Kreise. Ex-Vorstand Jan Marsalek, der als Hauptverdächtiger der Bilanzfälschung im Umfang von mindestens EUR 1,9 Mrd. gilt, ist seit vergangenem Juni auf der Flucht. Mit dem chinesischen Social Credit System wäre das wohl schwieriger: Allein während der Pilotphase wurden 17,5 Mio. Flugticket-Anfragen und 5,5 Mio. Buchungsanfragen im Bahn-Fernverkehr zurückgewiesen, weil der Social Score zu niedrig war.

Natürlich war das Erschweren der Fluchtmöglichkeiten von Finanzverbrechern nicht das Hauptmotiv der chinesischen Regierung für die 2014 verabschiedete Einführung eines datenbasierten Social Credit Systems. Auf wirtschaftlicher Ebene steht dahinter neben kaum zu leugnenden Kontrollaspekten vor allem der Versuch, das geringe gesellschaftliche Vertrauen vieler einzelner Akteure untereinander -also außerhalb enger Zirkel von Familie und Guanxi- zu adressieren sowie ein faires und berechenbares Wirtschaftsumfeld zu schaffen. Corona-bedingt hat sich die ursprünglich für 2020 geplante verbindliche Implementierung verzögert, aber die Transparenz, die ein umfassendes System bereitstellt, erschwert es, einzelne Zahlen oder sogar ganze Bilanzen – wie im Fall Wirecard geschehen –zu manipulieren.

Dreifache Buchführung und Ethik des Gewinnens

Bislang existierten bei vielen chinesischen Firmen in der Praxis oft drei Bücher: Eines für die Bank und die Investoren, eines für das Finanzamt und eines für den laô bân, was so viel wie „alter Boss“ bedeutet und in aller Regel den Eigentümer und Geschäftsführer eines Unternehmens bezeichnet. In einem besonders schwerwiegenden Skandal lebte ein Unternehmen vom Börsengang bis hin zur Aufdeckung des Betrugs acht Jahre in einer virtuellen Zahlenwelt und bezahlte sogar „echte“ Steuern für die virtuellen Erträge.

Fälle wie dieser sind die Folge einer Ethik des Gewinnens, die sich gefördert durch 30 Jahre rasantes Wachstum in China entwickelt hat: Der clever agierende Geschäftsmann kann sich zum Erreichen des Erfolges sehr weitreichender Mittel bedienen. Der Verlierer war eben nicht klug genug, um das Risiko zu erkennen. Geschickte Spekulanten können quasi über Nacht reich werden und das wird von Freunden und Bekannten registriert und nachgeahmt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Kassenbestände in Unternehmen statt in sichere Anlageformen oft in hochriskante Investitionen im grauen Markt fließen. Das typische Spekulationsziel in China sind Immobilien und Aktien. Die erwarteten Renditen liegen in der Regel deutlich jenseits von 20% p.a., oft wird sogar von der Vervielfachung der Investitionen ausgegangen.

Wenn die Chance auf ein Investment in ein Grundstück, ein Hotel oder eben ein aussichtsreiches Börsenunternehmen besteht, ist der Anreiz deshalb groß, sich das Geld trotz der hohen Graumarktzinsen zu leihen. Viele Unternehmen haben aufgrund der erwarteten hohen Renditen das Geschäftsmodell sukzessive umgestellt, angefangen oft mit privaten Investments des laô bân. Allein zwischen 2005 und 2010 (ein Zeitraum stark steigender Immobilienpreise) wechselten fast 40 börsennotierte Unternehmen von ihrem ursprünglichen Hauptgeschäft zum Immobiliengeschäft.

Hoher Druck am grauen Kapitalmarkt

Solange die Transaktionen positiv verlaufen, entsteht bei keinem Beteiligten ein Schaden. Im Gegenteil, das volkswirtschaftliche Wachstum wird weiter angefacht. Die alljährlich drohende Rückzahlung  – Gläubiger können grundsätzlich jedes Jahr zum Frühlingsfest den Ausgleich der Darlehen verlangen – macht den grauen Kapitalmarkt in China jedoch anfällig. Schuldner müssen sich sehr kurzfristig refinanzieren, Vermögenswerte werden aus Mangel an Alternativen vielfach zu niedrigen Preisen veräußert. So entsteht Jahr für Jahr ein enormer Druck am grauen Kapitalmarkt. Geld oder Liquidität werden plötzlich noch wertvoller.

So gesehen in den Jahren 2012 und 2013, als das Wachstumstempo in China erstmals seit der Jahrtausendwende unter die 8%-Marke rutschte. Immobilienpreise stagnierten, in den B-Städten fielen sie sogar leicht. Auch die Kapitalmärkte versagten vorübergehend die rauschhaften Gewinne der Vergangenheit. Zeitweise wurden keine Neuemissionen in Mainland China mehr zugelassen. Was nach außen weit von einem Zusammenbruch oder dem Platzen einer Blase entfernt schien, traf den grauen Kapitalmarkt und damit die Spekulanten empfindlich.

Einer der wichtigsten potenziellen positiven Effekte des chinesischen Corporate Social Credit Systems ist deshalb die Verbesserung des Kreditzugangs. Wachstumsunternehmen können sich im besten Fall günstiger und langfristiger finanzieren, der jährliche Refinanzierungsdruck nimmt ab oder entfällt ganz. Weil auch Faktoren wie Produktqualität, Umweltschutz oder soziale Standards bewertet werden, müssten besonders innovative Unternehmen in der Theorie sogar überproportional stark profitieren.

Amazon, Alibaba & Co. als Vorbilder

Da auch private Spekulationsgeschäfte erstmals im Unternehmenskontext sichtbar werden, erhöht sich die Transparenz gegenüber Investoren. Müssen diese weniger Angst haben, dass Firmengelder für private Geschäfte zweckentfremdet werden, steigt die Investitionsbereitschaft. Wenn Banken, Gesellschafter und Steuerbehörden zuallererst auf den Social Credit Score schauen, wird eine eigene Buchführung für unterschiedliche Adressaten ineffektiv. Natürlich können Zahlen immer noch manipuliert werden, doch das Risiko in China auf eine staatliche Blacklist zu geraten, werden nur wenige Firmen eingehen.

Mit dem Corporate Social Credit System versucht die chinesische Regierung die Erfolgsmodelle von Ebay, Amazon, Uber oder Airbnb auf staatlicher Ebene umzusetzen. Der Erfolg dieser Plattformen basiert zu einem nicht geringen Anteil auf datenbasierten Bewertungssystemen. Erst diese schaffen das Vertrauen, das für eine Transaktion notwendig ist. Nicht von ungefähr war Alibaba, das chinesische Pendant zu Amazon, am Aufbau des Ratingsystems beteiligt. Zwar lässt sich nachhaltiges Sozialkapital in der Regel nur durch freiwillige Aktivitäten bilden, doch wenn die Algorithmen transparent und diskriminierungsfrei funktionieren, kann das neue System dazu beitragen, gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Im besten Fall werden Compliance-Verstöße von Unternehmen erkannt oder verhindert und interpersonelles sowie systemisches Vertrauen werden gestärkt. Im schlechtesten Fall verlagern sich Manipulationen von der betrieblichen auf die systemische Ebene und Sozialkapital wird zerstört. So oder so wird das Corporate Social Credit System einen erheblichen Einfluss auf alle in China tätigen Unternehmen haben.


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Der Artikel ist ein Auszug aus einem Fachbeitrag, der 2020 in dem von Springer Gabler herausgegebenen Kompendium „Social Credit Rating: Reputation und Vertrauen beurteilen“ erschienen ist (ISBN: 978-3658296520)

Thomas Stewens, BankM
Thomas Stewens

Thomas Stewens ist Vorstand und Founding Partner der BankM AG. Er verfügt über zwanzig Jahren Erfahrung bei der Begleitung von Eigenkapitaltransaktionen in den Investment-Banking-Bereichen M&A, IPO, SPO, Private Equity und PIPEs.

Axel Rose

Axel Rose ist seit 2013 bei der BankM AG im Projektgeschäft tätig und hat in dieser Funktion zahlreiche Transaktionen mit Chinabezug begleitet. Als Hausbank für den Kapitalmarkt unterstützt BankM mittelständische Unternehmen mit einem breiten Dienstleistungsportfolio im Bereich der Eigen- und Fremdkapitalfinanzierung.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Vereinfachtes Chinesisch